"Wir wollten nicht lernen, wir wollten verlernen", hat Holger Czukay später einmal gesagt, "wir wollten weg von der Tradition und weg von dem, was man uns beigebracht hatte. Wenn wir spielten, ließen wir so viele Noten wie möglich weg." Im Sommer 1968, vor knapp 50 Jahren, spielte die Kölner Gruppe Can ihre ersten Konzerte, lange Gruppenimprovisationen, beherrscht von dem monoton-motorischen Schlagzeug von Jaki Liebezeit und dem tranceartigen Bassspiel von Holger Czukay. Das war eine Musik, wie es sie in Deutschland bis dahin noch nicht gegeben hatte – und zugleich eine Rockmusik, die sich allen angloamerikanischen Vorbildern entzog. "Am Ende", sagte Czukay, "hat ein Musiker nur zwei Möglichkeiten: entweder die Musikgeschichte zu überbieten oder ganz von vorne anzufangen. Can haben sich für die zweite Variante entschieden."

Holger Czukay spielte den Bass, aber das war nicht alles: Er fummelte während der manchmal schier endlosen Auftritte von Can auch an Kurzwellenempfängern herum und blendete plötzlich sonderbare Gesänge und Stimmen aus aller Welt und aus den Tiefen des Äthers in die Improvisationen hinein. Und für die Studioalben von Can bearbeitete er die Session- und Konzertaufnahmen, indem er sie schnitt oder mit Filtern und Stereoeffekten akustische Akzente setzte, die – obwohl manchmal selber kaum hörbar – die Stimmung und die innere Spannung des Stücks grundlegend zu verändern vermochten.

Seine Karriere hatte er in der Neuen Musik begonnen, in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre arbeitete er als Assistent Karlheinz Stockhausens im Studio für Elektronische Musik des WDR. "Beim Bewerbungsgespräch", erzählte Czukay mir von ein paar Jahren in einem Gespräch, "hatte ich ihm gesagt: Ich kann kein Instrument spielen, und ich habe noch keine Prüfung bestanden. Darauf sagte Stockhausen: Das klingt interessant! Und nahm mich auf." Im Studio für Elektronische Musik entstand 1969 auch Czukays erste Soloarbeit, Boat Woman Song: eine 20-minütige Klangcollage, die er in langen Nachtschichten aus Tonbandschnipseln zusammenfügte. Man hört einen kleinen Ausschnitt aus einem mittelalterlichen Choral. Über einem dunkel glimmenden Bordunton wird der Choral zu einer Klangschleife zusammengebunden und unermüdlich wiederholt, bis plötzlich ein vietnamesischer Volksgesang einsetzt – auch dies ein Fragment, von Czukay mit einem Kurzwellenempfänger aus dem Äther gefischt.

Boat Woman Song hat auch nach fast 50 Jahren nichts von seiner sonderbaren Aura verloren. Auch kann man dies als das erste Popstück betrachten, in dem die Methode des Samplings zum wesentlichen Mittel der musikalischen Produktion wurde. Dass man Klänge aus äußerst unterschiedlichen Quellen, Epochen und Stilen zum Material eines musikalischen Ausdrucks nimmt, ist seit den achtziger Jahren selbstverständlich. Holger Czukay aber ist der Pionier dieser Technik; was man heute mit wenigen Mausklicks am Rechner montiert, schnitt er in wochenlanger Arbeit aus winzigen Tape-Fragmenten zusammen.

Von 1968 bis 1977 spielte Czukay bei Can. Die Gruppe wurde zur prominentesten Vertreterin jener Musik, die ein britischer Journalist schließlich "Krautrock" taufte. Can waren minimalistisch und sehr repetitiv: Über die monotonen Beats von Jaki Liebezeit legte Czukay auf seinem Bass oft nur Figuren aus zwei oder drei Tönen, während der Sänger Damo Suzuki voodooartige Mantren murmelte. Doch immer wenn die Musik in ihren endlosen Wiederholungen endgültig zum Stillstand zu kommen schien, brachte sie Czukay mit kaum merklichen Halbtonwechseln in seinem Spiel oder durch elektroakustische Manipulationen zum Stottern und Schillern. So klangen Can zwar wie eine Maschine, doch wie eine Maschine, die den menschlichen Fehler, die Abweichung von der Präzision schon in sich aufgenommen hat: eine Maschine, die lebt. "Wenn du dich in das Leben einer Maschine einfühlen kannst", sagte Czukay, "dann bist du definitiv ein Meister."