Mittlerweile suchen alle nach Anzeichen für ein "Nicht weiter so" in der großen Koalition, nach Veränderungen und neuen Profilierungen, Unterschieden und Klarheit, kurz: nach Hoffnungsschimmern in der späten und morosen Merkel-Welt. Zunächst einmal können jedoch nur Personalentscheidungen etwas Neues versprechen, und so verspricht die SPD mit der Berufung von Michelle Müntefering zur Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt mehr Sichtbarkeit, mehr Selbstbewusstsein und Angriffslust in ihren kulturpolitischen Vorhaben.

Müntefering hat zwar eine junge, steile Karriere gemacht, aber sie ist bereits seit 2013 Parlamentarierin, und sie hat sich als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und im Unterausschuss für die auswärtige Kulturpolitik die nötigen Kenntnisse verschafft. Ihre Vorgängerin Maria Böhmer, während der letzten Legislatur ein christdemokratisches Inlay im SPD-Außenamt, musste aus vielerlei Gründen blass bleiben, das war eine undankbare Position. Nun jedoch gibt es eine im Rang gleichgestellte Kontrastfigur zur Kulturstaatsministerin Monika Grütters, nun personifiziert sich die Konkurrenz. Der bisher so mühsam aufrechterhaltene Koalitionsfrieden in der Bundeskulturpolitik wird gar nicht erst geschlossen. Die geschätzte Kollegin im Kanzleramt wird die Botschaft wohl vernehmen.

Michelle Müntefering kann auf einen finanzierten, gut organisierten, vor allem konzeptionell durchdachten politischen Bereich bauen. Und weil der inzwischen wahrgenommen wird und Wirkungen im Inland entfaltet, findet auswärtige Kulturpolitik auch nicht länger im Irgendwo statt. Wie sehr die internationalen Beziehungen schon heute die deutsche Kulturförderung beeinflussen, daran wird Müntefering erinnern. Sie hat gute Argumente dafür. Das Außenamt hat sich im Koalitionsvertrag beispielsweise die Zuständigkeit für die Aufarbeitung des deutschen Kolonialerbes gesichert: Muntere museumspolitische Debatten werden die Bundesrepublik bewegen.

Das Auswärtige Amt wird – zumal mit dem Partnerland Frankreich – eine europäische Kulturpolitik zu begründen versuchen, vielleicht sogar das Experiment wagen, einen Austausch der Kulturen ganz ohne Rücksicht auf Grenzen der Nationalstaaten zu organisieren. Fürs Humboldt Forum, das derzeit so ganz in museologischen Zwistigkeiten und Kleinstdebatten versinkt, sollte das eigentlich auch Folgen haben.

Dort regiert allerdings Monika Grütters. Manchmal beantworten Personalentscheidungen Sinnfragen, oft stellen sie sie erst. In naher Zukunft wird Grütters den lang erwarteten Intendanten des Humboldt Forums benennen. Zu Beginn der Planungen noch als ein Titan der Weltkulturen gehandelt, wird der Intendant wohl nur noch der Leiter einer internen Kommission sein, der die Arbeit und Interessen sämtlicher im Schloss tätigen Einrichtungen koordiniert. So vergeht der Ruhm der Welt. Immerhin wird seine Berufung Neil MacGregor einen halbwegs gesichtswahrenden Abgang verschaffen, denn der Primus des vorläufigen Intendantentrios möchte Berlin schon seit geraumer Zeit wieder verlassen.

Im Gespräch sind vier Namen: Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, Max Hollein, der das Fine Arts Museum of San Francisco leitet, Hartmut Dorgerloh, Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, sowie Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. Drei Männer und immerhin eine Frau, alle weiß und deutsch.

Chancen werden Dorgerloh und Ackermann eingeräumt. Gemessen an den bescheidenen Anforderungen der "Governance-Struktur" des Humboldt Forums kämen alle infrage, gemessen an den kulturpolitischen Ambitionen des Anfangs keiner von ihnen. Es wird also wohl eine nationale Lösung für ein renationalisiertes Haus geben.

Für Hartmut Dorgerloh sprechen Erfahrung und untadelige Amtsführung, für Marion Ackermann das Überraschende und die Zukunft. Sie ist zwar erst seit 2016 in Dresden und hat dort noch keine wirklichen Akzente gesetzt, aber Sachsen wird ihr viele Wünsche erfüllen wollen. Im Sommer kommenden Jahres folgen in Sachsen Landtagswahlen, und deren unwägbarer Ausgang mag Wechsellust wecken.

Der Posten eines Intendanten des Humboldt Forums ist eigentlich nur (noch) für jemanden interessant, der in Berlin einen weiter gehenden kulturpolitischen Ehrgeiz verfolgt. Exponiert und trotzdem machtlos, eröffnen sich ihm nur wenige Spielräume. Und dieser Umstand wiederum macht den Job, der noch gar nicht existiert, jetzt schon zur Durchlaufstelle für anderweitige Karrieren. Das alles war so nicht gedacht.