Wenn ich heute mit Jugendlichen zu tun habe, wenn ich Schulen besuche, um über die Gefahren der Radikalisierung aufzuklären, wenn ich Syrien-Rückkehrer und die Familien ausgereister Salafisten betreue, dann denke ich manchmal an meine eigene Vergangenheit.

In meiner Jugend war ich eine Zeit lang selbst Islamist. Ich habe nie eine Straftat begangen, nie Gewalttaten verübt, aber ich glaubte felsenfest an eine radikale Ideologie. Ich suchte darin Bestätigung und Anerkennung, wie so viele junge Menschen das tun, bis mir ein Psychologiestudium und gute Freunde halfen, mich von extremen Positionen zu befreien. Ich ließ meine Moschee und meinen Imam hinter mir und zog aus einem kleinen, arabisch geprägten Dorf in Israel zum Studieren nach Tel Aviv. Ich erlebte das als Befreiung.

Ich löste mich von Feindbildern, lernte Christen kennen und Juden, feierte und diskutierte mit ihnen, sie wurden meine Freunde. Später wanderte ich nach Deutschland aus, das ist bald fünfzehn Jahre her. In Berlin nahm ich meine Aufklärungsarbeit auf. Ich wollte junge Menschen davor bewahren, die gleichen Fehler zu machen wie ich damals.

Bei meiner Arbeit begegne ich ihr immer wieder, der "Generation Allah", wie ich sie nenne: Jugendlichen, die in Bottrop, Offenbach oder Schwerin aufgewachsen sind, aber einen nahezu totalitären Gottesbegriff pflegen, Kindern, die das Fürchten gelehrt wurde vor einem patriarchalisch strafenden höchsten Wesen. Ihre Welt ist schwarz und weiß, gut und böse, rein und unrein, halal und haram. Gott ist für sie eine Art Staatsanwalt, der Koran ein Gesetzbuch. Sexualität ist bedrohlich, weil verboten. Und im Hier und Heute sind die Muslime in ihren Augen stets Opfer – der Behörden, des Westens, der Medien, der Amerikaner, der Juden.

Im Januar 2015 stand ich vor der Klasse 6a einer Schule in Berlin-Wedding. Wenige Tage zuvor hatten islamistische Attentäter in Paris zehn Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschossen: Zeichner, Autoren, den Herausgeber, eine Psychoanalytikerin. Es war ein Massaker, verübt am helllichten Tag, mitten in einer europäischen Großstadt. In der Schule hatten Lehrer die Kinder dazu aufgefordert, Solidarität zu zeigen und der Opfer zu gedenken. Mehrere Schülerinnen und Schüler hatten sich darüber beklagt: Wieso sollen wir für die Opfer von Paris aufstehen? Die haben doch unseren Propheten beleidigt!

Mich hatte man eingeladen, um mit der Klasse über genau diese Fragen zu sprechen. Die Schüler waren lebhaft, sie wollten diskutieren. Aber sobald es um den Islam ging, wurden einige von ihnen aggressiv. Sie fühlten sich persönlich angegriffen, als hätte man ihre Mutter beschimpft.

Hamburg. Politikunterricht an einem Gymnasium, diskutiert wird die Kopftuchfrage. Die Debatte ist hitzig. Muslimische Frauen, die das Tuch tragen, würden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert, beklagen einige Schülerinnen und Schüler, ein Zeichen für die Islamfeindlichkeit der Gesellschaft sei das. Dann driftet die Auseinandersetzung ab in Geschrei.

Köln. Ein abendlicher Workshop zum Thema Vorurteile in einem Jugendzentrum. Schon bald reden die jungen Teilnehmer über ihre Feindbilder: Illuminati, Freimaurer, die Amerikaner und die Juden hätten sämtliche Terroranschläge der vergangenen Zeit geplant und ausgeführt. Jetzt wollten sie dem Islam die Schuld in die Schuhe schieben, behaupten die Jugendlichen, um ihm zu schaden. Ich erlebe solche Szenen häufig.

Junge Menschen wie diese finden sich in Deutschland zuhauf, in jedem Schultyp, in jeder Stadt, an jedem Ort. Sie sind keineswegs Extremisten, der Verfassungsschutz sollte sie deshalb auch nicht beobachten. Aber sie bilden den Pool, aus dem die radikalen Islamisten ihre Anhänger fischen.

Ihre muslimischen, traditionell geprägten Eltern erkennen oft spät, auf welchen Abwegen sich ihr Kind befindet, weil bei ihnen selbst der Übergang zwischen Gläubigkeit und Radikalismus oft ein fließender ist. So driften die Kinder unbemerkt ab. Das zu verhindern ist mein Job, aber nicht nur meiner. Wir müssen die "Generation Allah" für demokratische Werte gewinnen, sonst ist sie verloren. Und wir sind es auch.