Die Aufregung war groß, als im Februar bekannt wurde, dass Bilel A. nach Tunesien abgeschoben worden war. Denn Bilel A. war ein Freund von Anis Amri, dem Attentäter, der im Dezember 2016 im Namen des IS einen Lkw auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz steuerte und zwölf Menschen tötete. Anis Amri und Bilel A. waren gemeinsam aus Italien eingereist, sie hatten sich noch am Tag vor dem Anschlag getroffen, auf A.s Handy fanden sich Bilder vom späteren Tatort. Aber weil der Generalbundesanwalt (GBA) keine Beweise für eine mögliche Komplizenschaft erkannte, wurde A. abgeschoben. Jetzt stellt sich heraus: Es gab eine ganze Reihe ähnlicher Fälle. Allein seit dem Jahr 2015 sind zehn Beschuldigte aus dem Bereich Islamismus während laufender Ermittlungsverfahren des GBA abgeschoben worden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (Linke) hervor. Auf Anfrage der ZEIT bestätigte das Bundesjustizministerium, dass es in neun dieser Fälle um den Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland ging. Die Männer seien nach Afghanistan, Italien, in den Libanon, die Niederlande, die Russische Föderation und nach Tunesien abgeschoben worden. Grundsätzlich, so das Ministerium weiter, müsse die zuständige Staatsanwaltschaft einverstanden sein. Die Anklagebehörden müssten dabei in jedem Einzelfall abwägen, ob das Strafverfolgungsinteresse das Interesse an der Abschiebung überwiege – oder eben nicht. Es sei eine "fragwürdige Präventionsstrategie, wenn dschihadistische Aktivisten in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden, dort Anschläge gegen Zivilisten verüben und beim Ausbau von Netzwerken mitwirken", sagt Martina Renner, die im Untersuchungsausschuss des Bundestags zu Amris Anschlag als Obfrau der Linken fungiert.