"Ich kotze meine Existenz in U-Bahn-Lüftungsschächte, ich schlage mir die Nächte und die Sterne kräftig ins Gesicht." Zu lachen hat das lyrische Ich nicht viel, das sich durch die Texte der Band Isolation Berlin treibt. Wie der Name schon andeutet: Hier wird die Hauptstadt als ein Ort der ewigen Nacht besungen, durch die ausschließlich vom Leben gezeichnete Gestalten schlurfen. Und dazwischen ein junger Dichter. Augenringe, aber trotzdem wacher Blick, Kippe im Maul, zwei Billigrotweinflaschen im Baumwollbeutel. Ein Outcast, ein Rebell. Einer, der das altehrwürdige Bild des feinsinnigen, einsamen, an der Welt und den Frauen leidenden Mannes mit Bravour erfüllt. Eine Eins mit Sternchen dafür!

Schon auf ihrem letzten Album haben Isolation Berlin dieses Muster zielstrebig und mit achtbarem Erfolg bedient, warum also sollten sie daran etwas ändern? Und so klingt die neue Platte Vergifte dich noch hoffnungsloser als die bisherigen Veröffentlichungen. Den Großstadtmoloch heraufbeschwören? Das schafft Sänger und Texter Tobias Bamborschke mittlerweile mit links, vor allem durch seinen Vortrag. Mal schmiegt er sich ans Gitarrenspiel seiner Bandkollegen an, mal säuselt er mit zarter Melancholie betont haarscharf am Instrumental vorbei, mal ruft er mit brüchiger Aggro-Stimme darüber hinweg. Bewundernswert ist die Stilsicherheit, mit der sich die Band durch die letzten Jahrzehnte Gitarrenmusik zitiert. Western-Gitarren, Post-Punk, heimelige Element-of-Crime-Haftigkeit. Isolation Berlin komponieren Songs, in denen man sich sofort zu Hause fühlen kann.

Zum Glück. So fällt nicht auf, dass Bamborschkes Texte sich in ihren schwächsten Momenten nur noch aus Poeten-Klischees zusammensetzen: Gott verneinen, Seelenschmerz haben, nachts nicht schlafen können, die Liebe verteufeln. "Die Last der Welt erdrückt mich, ich hab die Orientierung verloren." Oder: "Wenn du keinen Sinn mehr siehst, jede Nacht nur Nietzsche liest." Natürlich muss jeder an der Welt Leidende auf ewig Nietzsche lesen, schon klar. Aber könnte man diese Tatsache vielleicht etwas vielschichtiger verpacken? Bitte nicht falsch verstehen: Bamborschke kann auch wirklich gute Songtexte schreiben. Zum Beispiel wenn er das Album damit eröffnet, wie er am Pfandflaschenautomaten steht (Serotonin): "Da hol ich mir zurück, was mir gehört." Schnoddrig, humorvoll – so entstehen bei Isolation Berlin die schönen Momente.

Isolation Berlin: Vergifte dich (Staatsakt)