Abgehoben, anmaßend und realitätsblind – kein Klischee über die Europäische Union hält sich hartnäckiger als das Bild, das von ihren Beamten im Umlauf ist. Und keines hat ihr mehr geschadet. Nicht nur in Großbritannien, das auch deshalb die EU verlässt, gilt Brüssel vielen als Hort einer Kaste, die von niemandem gewählt wurde und sich selbst ermächtigt: das Herz der bürokratischen Finsternis.

Der Deutsche Martin Selmayr ist einer von rund 42.000 Beamten, die die EU beschäftigt. Bis vor Kurzem hat er das Büro von Jean-Claude Juncker geleitet, nun wurde er von diesem zum Generalsekretär der Kommission ernannt. Mehr geht nicht in Brüssel, jedenfalls nicht für einen Beamten. Selmayrs Aufstieg hat in den vergangenen Tagen viel Aufregung verursacht. Der 47-Jährige wurde innerhalb weniger Minuten gleich zweimal befördert, das Verfahren ist zu Recht umstritten. Das Europaparlament wird den Vorgang untersuchen. Auch viele Regierungen sind fassungslos über Junckers Entscheidung.

Der Fall Selmayr verrät unfreiwillig zweierlei. Zunächst: In jedem Klischee steckt immer auch ein Körnchen Wahrheit. Und: Ausgerechnet die Kommission weiß nicht, welche Rolle sie im größten Umbruch zu spielen hat, den die Union und ihre Institutionen seit ihrer Gründung vor mehr als 60 Jahren erleben.

Dass Beamte eine politische Rolle spielen, ist nicht ungewöhnlich – in Brüssel genauso wenig wie in London oder Berlin. Erst recht gilt das für diejenigen, die eng mit den Mächtigen zusammenarbeiten. Dass ein Staatsdiener aber so agiert, wie es der Jurist Selmayr in der Vergangenheit getan hat, ist in den meisten Hauptstädten dennoch unvorstellbar.

Selmayr twittert an manchen Tagen so hemmungslos wie Donald Trump, dabei macht er aus seinen politischen Vorlieben keinen Hehl. Mal lobt er die Griechen für ihre Vorschläge zum Haushalt, mal drückt er einer Jamaika-Koalition in Berlin die Daumen. Bei anderer Gelegenheit verteilt Selmayr Noten für Kommissare – dabei stehen sie als Politiker eigentlich an der Spitze der Hierarchie. Einem Korrespondenten des Spiegels soll Junckers Büroleiter nach einem kritischen Artikel gedroht haben: "Wenn ich dich damals getroffen hätte, hätte ich dir in die Fresse gehauen."

Kurzum, Selmayr interpretiert seine Rolle auf eine Weise, die dem Klischee des anmaßenden EU-Beamten ziemlich nahekommt. Dass er hierfür belohnt wird, noch dazu in einem undurchsichtigen Verfahren, hat nicht nur der britische EU-Verächter Nigel Farage mit höhnischem Beifall quittiert ("Danke, EU!"). Viele Europaabgeordnete fürchten um die Glaubwürdigkeit der Union.

Dabei geht es um weit mehr als nur um eine fragwürdige Beförderung. Als Juncker Präsident wurde, hat er angekündigt, eine "politische Kommission" zu führen. Sein engster Mitarbeiter, Selmayr, verkörpert diesen Anspruch wie kein Zweiter. Nun erlebt die EU gerade zweifelsohne einen gewaltigen Politisierungsschub. Ob Flüchtlinge, Euro oder jetzt der Handel: Die Union ist zum Schauplatz großer, ideologischer Auseinandersetzungen geworden. Doch was zunächst folgerichtig klingt – eine "politische Kommission" –, ist ein riskanter Bruch mit dem bisherigen Selbstverständnis.

Denn der Zusammenhalt der Europäischen Union gründet auf dem gemeinsamen Regelwerk. Und die vornehmste Aufgabe der Kommission war es bislang, dieses Regelwerk – die Europäischen Verträge – zu "hüten". Je politischer sie aber agiert, desto mehr läuft sie Gefahr, in den Auseinandersetzungen etwa um den Stabilitätspakt oder die Flüchtlingspolitik zur Partei zu werden. Wer die Kommission politisieren will, wie es Juncker und Selmayr propagieren, nimmt sie als Schiedsrichterin aus dem Spiel und beraubt sie ihrer wichtigsten Ressource: ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Europäische Union hat keine herkömmliche Regierung. Ihr politisches Zentrum ist der Tisch, an dem die Regierungschefs der 28, bald 27 Mitgliedsstaaten zusammenkommen. Dort werden die ideologischen Kämpfe ausgefochten, die über die Zukunft der EU entscheiden. Die Kommission dient dem europäischen Zusammenhalt, wenn sie sich zurückhält. Das gilt erst recht für ihren nun obersten Beamten.