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Wundert es Sie, dass jemand, der wegen Spionage angeklagt ist, für Ihre Zeitung schreibt? Sie lesen gerade seinen Text, aber erwarten Sie keine Mata-Hari-Story. Wie freigiebig die türkische Regierung den Stempel "Spion" an Journalisten verteilt, wissen Sie ja durch Deniz Yücel. Letzte Woche wurde auch ich da eingereiht.

Im Mai 2015 hatte ich in der Zeitung Cumhuriyet, deren Chefredakteur ich damals war, darüber berichtet, dass mit Lkw des türkischen Geheimdienstes Waffen nach Syrien transportiert wurden. Es gab kein Dementi von der Regierung. Staatspräsident Erdoğan erklärte den Bericht aber zur Spionagetätigkeit. Anklage wurde nicht erhoben.

Nach dem türkischen Pressegesetz muss ein Prozess wegen eines Zeitungsartikels innerhalb von vier Monaten eröffnet werden. In unserem Fall versäumte der Staatsanwalt die Frist. Als er dann das Verfahren einleitete, verlangte er, um sein Versäumnis zu verdecken, die Höchststrafe: Zweimal lebenslange Haft für einen Artikel, der den Tatsachen entsprach. Mit unserem Büroleiter in Ankara, Erdem Gül, sollte ich wegen versuchten Umsturzes, Beihilfe für eine illegale Organisation, Spionage fürs Ausland und Verrat geheimer Staatsdokumente angeklagt werden. Wir wurden verhaftet und kamen vor Gericht. Zu unserer Verteidigung wiesen wir auch darauf hin, dass das Verfahren wegen Überschreitung der Frist nichtig sei. Das kümmerte das Gericht nicht. Für Spionage oder Regierungsumsturz fand es keine Beweise, verurteilte uns aber wegen Geheimnisverrat zu 5 Jahren und 10 Monaten Haft. Wir gingen in Revision. Letzte Woche verkündete das Revisionsgericht seinen Beschluss: "Wegen Überschreitung der Vier-Monats-Frist kann wegen des Artikels keine Anklage erhoben werden."

Doch die von Erdoğan kontrollierte Justiz konnte einen Journalisten, der die Regierung in Bedrängnis gebracht hatte, nicht unbestraft lassen. Man fand einen Ausweg: "Anklage ist nicht wegen Verrat eines Staatsgeheimnisses zu erheben, sondern wegen seiner Beschaffung für einen anderen Staat." Die Strafe für dieses Verbrechen ist viel höher: 15 bis 20 Jahre Haft. Schön und gut, doch der Spionagevorwurf hatte im ersten Prozess aus Mangel an Beweisen mit Freispruch geendet. Wie sollte er jetzt bewiesen werden?

Das Revisionsgericht fand einen Weg und gab der unteren Instanz die Richtung vor: "Eine Vereinbarung zwischen dem Spion und dem Staat, dem er diente, braucht nicht gesucht werden. Eine Woche nach Veröffentlichung des Artikels beschwerte sich der ständige UN-Vertreter Syriens mit einem Schreiben bei den UN über die Türkei. Der Journalist hat diese Informationen also zum Zweck der Spionage für Syrien beschafft."

Dass der syrische UN-Botschafter die Sache in der Zeitung las, gilt also als Beweis. Klingt lustig, oder? Für mich nicht. Denn jetzt wird wieder prozessiert, man verlangt von den UN das Schreiben des syrischen Botschafters, und ich werde – erneut – wegen des Vorwurfs der Spionage angeklagt, für Damaskus, weil die syrische Regierung meinen Artikel verwendete. Gefordert sind bis zu 20 Jahre Haft.

Der Beschluss des Revisionsgerichts wurde letzte Woche ausgerechnet an dem Tag verkündet, als die Leitung der Cumhuriyet vor Gericht stand. Unmittelbar bevor Chefredakteur Murat Sabuncu und Reporter Ahmet Şık auf freien Fuß kamen, verkündete das Revisionsgericht sein Urteil gegen mich. Damit wurde der Regierung signalisiert: "Wir lassen die einen frei, bestrafen aber die anderen umso härter." Genau wie bei Deniz Yücels Freilassung, als am selben Tag sechs Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt wurden.

Das ist meine Spionagegeschichte. Nicht so spannend wie ein Roman von John le Carré, aber so ist es halt in der Türkei.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe