Wir 68er geben auch nach 50 Jahren ungern die Deutungshoheit über jene Zeit ab. Wir kämpften für eine andere Gesellschaft und gegen die Autoritäten – was hätte unsere Ideen besser möglichst früh in viele Köpfe bringen können als die Literatur für junge Leser? Und so machten sich bis etwa 1975 rund 200 Leute in verstreuten Gruppen daran, die deutschen Kinder- und Jugendbücher zum kulturpolitischen Programm umzukrempeln.

Innerhalb weniger Monate entstanden in den studentischen "Roten Zellen" Berlins, Frankfurts und Göttingens Bücher. In anderen Universitätsstädten wie Tübingen und Hamburg brachten wir ein sozialistisch verstandenes Kinderbuchkonzept in die politischen Debatten ein. Wir versuchten, die kommunistische Kinderliteratur der Weimarer Republik wiederzubeleben, entdeckten proletarische Märchen und suchten im Ausland nach passenden Stoffen zur Übersetzung (etwa Sven Wernströms Bücher). Und natürlich war uns der realistische Sozialroman wichtig.

So erschienen im Berliner Basis Verlag für sozialistische Kinderbücher Titel wie Fünf Finger sind eine Faust (1968) über die Kraft der Arbeitergemeinschaft; Martin, der Mars(x)mensch (1970), eine ins Fantastisch-Utopische versetzte Lehre von Karl Marx; oder Krach auf Kohls Spielplatz (1972), in dem das Recht von Kindern auf Spielplätze Thema war. In der DDR übrigens stieß unser Ansatz auf fassungsloses Staunen und auf Ablehnung. Absurd kamen damals vielen unsere westdeutschen Experimente vor.

Wir waren hungrig auf ein freies Leben, kamen durchweg aus gesicherten Verhältnissen und waren gut ausgebildet. Man hatte uns demokratische Spielregeln gelehrt. Das wollten wir einbringen und glaubten erkannt zu haben, dass Reform und Veränderung ausschließlich im Protest zu haben sind. Auch in der Jugendbuchszene wurden legitimierte Gewalt und die Sexualisierung des frühen Kindesalters diskutiert. Das machte eine Zeit lang viel Spaß. Mit Beginn der RAF-Gewalttaten, deren geistige Nähe zu den Veröffentlichungen in den sozialistischen Kollektiv-Verlagen nicht abzuleugnen war, begann die Selbstkritik.

Doch zunächst kämpften all unsere Bücher stellvertretend gegen unsere Dämonen: die Holocaust- und Kriegsschuld der Eltern, die kulturelle Restauration in Wirtschaftswunder-Zeiten, die auferstandenen Machtkartelle, den Vietnamkrieg. Insgesamt entstanden etwa 60 Bücher; heute wieder gelesen, erscheinen sie doch eher für uns selbst gedacht als für die Kinder der Babyboomer-Jahre.

Erstaunlich ist rückblickend vor allem, dass es uns gelang, unsere oft jämmerlich anzusehende Produktion in Buchhandlungen, öffentlichen Bibliotheken, in Kinderläden und pädagogischen Ausbildungsstätten zu platzieren. Eine Breitenwirkung beim Publikum entwickelten unsere Bücher nicht.

Prägend wurden nicht Mao Zedongs Kleines rotes Buch oder Ernst Herhaus’ Kinderbuch für kommende Revolutionäre, Wegweiser einer westdeutschen Liberalisierung in Pädagogik und Erziehungsalltag waren zwei Bücher aus dem Jahr 1970: Friedrich Karl Waechters Anti-Struwwelpeter und der aus dem Englischen übersetzte Roman Die grüne Wolke, den der Reformpädagoge A. S. Neill 1938 für die Schüler seines Internats Summerhill geschrieben hatte. Denn während sich der eine Teil von uns 68ern für teils dogmatische politische Botschaften ereiferte, gab es auch in der Jugendliteratur die andere Seite der Bewegung: den verspielten Hedonismus, den Flower-Power-Pazifismus, die Hippies.

Hinzu kam, dass die deutsche Kinderliteratur der fünfziger Jahre vielen so altbacken und brav erschien, dass auch in den etablierten Verlagen mehr und mehr andere Bücher für junge Leser erschienen. Unter dem Begriff "antiautoritär" sammelte sich fortan eine Fülle spielerischer, die Erzähltradition aufbrechender Texte, etwa Kontroversmärchen, zu denen man auch Paul Maars Kinderbuchdebüt Der tätowierte Hund (1968) zählen kann. Parallel dazu explodierte die Zahl sozial engagierter realistischer Geschichten, die mit gesellschaftlichen Neuentwürfen jonglierten – wie Ursula Wölfels Die grauen und die grünen Felder (1970). Frauenemanzipation, Familienbild, Minderheiten, Umwelt, Drogen, Armut: Diese Themen sollten für mehr als ein Jahrzehnt zu den grundlegenden Literaturerfahrungen junger Leser werden.

Kinderbücher hingegen, die heute weltweit als Beispiele einer nachfaschistischen deutschen Jugendliteratur gefeiert werden – wie Michael Endes Unendliche Geschichte und Otfried Preußlers Kleine Hexe –, kritisierten wir hart, durchaus mit persönlichen Angriffen. In unseren Augen waren diese Texte eine Fortsetzung des alten Ungeistes, nicht die Emanzipation von ihm. Da hat inzwischen schon so mancher von uns heimlich Abbitte geleistet.

Avantgarde auf dem Weg zum Mainstream – auch so kann man unseren "langen Weg durch die Institutionen" der Kinder- und Jugendliteratur beschreiben. Als der renommierte Pädagogikverlag Julius Beltz 1971 das Programm Beltz & Gelberg eröffnete und der traditionsreiche Rowohlt Verlag 1972 sein auch ansonsten zu jener Zeit stark politisiertes Programm um die Kinder- und Jugendliteratur-Reihe rororo-rotfuchs erweiterte, eröffnete sich der Bewegung eine realistische Zukunft.

Was ist geblieben? Findet sich der Geist der 68er heute noch in der so stark professionalisierten deutschen Jugendliteratur? Ganz sicher erkennt man ihn in der Vielfalt der Themen und Erzählweisen, in der Internationalität, der Zuschreibung von moralischer Verpflichtung und der Akzeptanz des Tabubruchs. Wenn Gudrun Pausewangs Gesamtwerk als wegweisend geehrt wird, wenn Mirjam Pressler nicht aufhört, gegen den Antisemitismus anzuschreiben, und wenn Kirsten Boie in ihrem neuen Roman Sommerby neben der Ferienidylle schnell noch ein Supermarkt-Projekt in bester Naturlage platzen lässt – immer dann grüßt 1968. Sucht man aber einen Erben des aufrührerischen Geistes jener Jahre, dann sollte man die Bücher von Martin Baltscheit lesen und betrachten; etwa den Besuch Aus Tralien oder Die besseren Wälder. Es sind Bücher für junge und zugleich für Leser jeden Alters, die den Zauber des Protests, die Eleganz des Unangepassten, die Hoffart des Weltveränderers und die verführerische Nähe zur Amoralität feiern. Zumindest wenn man uns 68ern die Deutungshoheit überlässt.