Kühlhaus, das klingt cool und passt schon auch, denn ein kühler Kopf kann beim Schach ja bestimmt nicht schaden. Das mehr als hundert Jahre alte Industriegebäude ragt am Berliner Gleisdreieck auf, nicht weit vom Potsdamer Platz. Früher hingen hier die Schweinehälften. Nun hängt an der Fassade ein riesiges schwarzes Plakat mit zwei weißen englischen Sätzen darauf: "Entering this building might substancially increase your IQ. Chess does that to humans."

Mancher Berliner wird das sehen und "hä?" denken. Soll er da jetzt reingehen? Ins Deutsche übersetzt klingt der Spruch fast wie ein Warnhinweis: "Das Betreten dieses Gebäudes könnte Ihren IQ beträchtlich erhöhen. Schach macht das mit Menschen."

Wer sich dem Risiko aussetzen will, kommt durch den höhlenartigen Eingang vorn nicht hinein, sondern wird von schwarz gekleideter Security ums Haus in den Hof geschickt. Vorne ist für Staatspräsidenten, Schachfunktionäre und russische Models, hinten für dich und mich. So wächst beim Betreten noch nicht der IQ, aber schnell das Gefühl, dass in der Schachwelt vieles schwarz-weiß und manches überraschend ist.

Das Kühlhaus hat etliche Etagen. In der ersten sitzen die acht Schachgroßmeister auf einer schwarzen Bühne zwischen schwarzen Wänden und schwarzen Vorhängen. Nur die Bretter strahlen im Licht. Der Raum ist nach oben offen und von der zweiten Etage aus einzusehen. Dort lehnt das Schachvolk im Dunkel an den Balustraden und sieht die vier Bretter aus der Vogelperspektive.

Das Berliner Kandidatenturnier, in dem über zweieinhalb Wochen hinweg acht Aspiranten um das Recht kämpfen, den Schachweltmeister herauszufordern, könnte die einzige internationale Sportveranstaltung sein, bei der alle Akteure sitzen und alle Zuschauer stehen. Und die Akteure sitzen fünf, sechs Stunden.

Wer an ein Opernglas gedacht hat, kann immerhin sehen, wie es steht. Bildschirme mit Stellungsdiagrammen fehlen. Man nimmt insofern mehr die Atmosphäre wahr als das eigentliche Spielgeschehen.

In der vierten Etage gibt es einen Aufenthaltsraum für das gemeine Publikum, das sich nach all dem Stehen mal setzen und sich stärken möchte. Das gastronomische Angebot besteht aus zwei Automaten, wie man sie von Bahnsteigen kennt, Heißgetränke, Schokoriegel. Schon am vergangenen Samstag, zur ersten Runde, versagten sie ihren Dienst. Das Berliner Kandidatenturnier dürfte somit auch die einzige internationale Sportveranstaltung sein, auf der man, wenn man nach einem Kaffee fragt, zur Tankstelle um die Ecke geschickt wird. Schachtouristen, die wiederkommen, haben Thermoskanne und Schnittchen dabei.

Die Fans sind hart im Nehmen. Zwar erkennen sie ihre IQ-Steigerung am Wundern darüber, dass ihnen für das Eintrittsgeld von 22 Euro außer einem Blick auf die Meister und Partiekommentaren im Aufenthaltsraum nichts geboten wird, andererseits sind sie selbst dafür schon dankbar, denn Ereignisse von Weltrang sind in Deutschland selten.