Markus Schächter: Seine Menschenfreundlichkeit

Als sich der Student Karl Lehmann in Rom an der päpstlichen Hochschule einschrieb, musste er seine Prüfungen noch auf Latein ablegen. Papst war damals der unnahbare Pius XII., und die Kirche war gesegnet mit vollen Gotteshäusern und gut belegten Priesterseminaren. Ein Leben später war der Kardinal Karl Lehmann in Rom zugegen, als ein Lateinamerikaner "vom Ende der Welt" zum Papst gewählt wurde, der einer priesterarmen europäischen Kirche nun Demut und Barmherzigkeit predigte.

Acht Päpste hat Karl Lehmann in 81 Jahren erlebt, unterdessen wandelte sich das Leben der katholischen Kirche fundamental. Sie ist hineingestellt in den Umbruch einer globalisierten Welt und befindet sich selbst im Umbruch. Karl Lehmann hat ihn ohne Wehleidigkeit mitgestaltet: als Gesicht einer weltoffenen und menschenfreundlichen Kirche.

Seine Dialogfähigkeit wurde zum Glücksfall für viele, nicht zuletzt für die Entscheider in Politik, Kultur und Wirtschaft, die ihn gern im Mainzer Bischofshaus aufsuchten. "Wer tief verwurzelt ist im eigenen Terrain", sagte er, "der kann über Grenzen gehen." Auch ich bin ihm oft begegnet: zuerst als Student, dann als Journalist, schließlich als Intendant des ZDF. Bleibend beeindruckt haben mich sein Mut vor der pluralen Welt, seine Klarheit und Beherztheit im Austausch mit der säkularen Gesellschaft, seine couragierte Freude am Gespräch.

Wolfgang Huber: Seine Streitbarkeit

Anfang des Jahrhunderts erlebten wir ökumenisch eine Zeit steifer Brisen. Die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von 1999 hatte nicht den erhofften Rückenwind gebracht. Papst Benedikt XVI. legte Wert darauf, nur die katholische Kirche sei "Kirche im eigentlichen Sinn". Der Streit um das Verständnis des kirchlichen Amtes wurde schärfer; unvereinbare Auffassungen im Blick auf die Übersetzung der Bibel belasteten das Miteinander.

Als ich daraufhin von einer "Ökumene der Profile" sprach, wurde mir das von manchen schwer verübelt. Das waren schmerzhafte Erfahrungen. Doch nicht mit Karl Lehmann. Er war damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ich war als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche sein Gegenüber. Ihm gelang immer beides zugleich: die vatikanische Haltung zu erklären und zu relativieren. Auch bei schwierigen Streitpunkten ließ er es an Wertschätzung für den ökumenischen Partner nie fehlen. In persönlichen Gesprächen gab er mir Einblick in die innere Pluralität des Katholizismus, auch auf der Ebene der Amtskirche. Zugleich zeigte er mehr Verständnis für die innere Lage des Protestantismus, als ich es bei manchen in der eigenen Kirche erlebte. Menschliche Nähe und theologische Klarheit kamen zusammen. So entstand ökumenische Freundschaft. Das gehört zu den beglückenden Erfahrungen meines Lebens.

Johanna Rahner: Sein antidoktrinäres Denken

Ins Gedächtnis eingeprägt hat sich mir eine Szene, die eigentlich eine Niederlage war, aber durch ihn zu einer Lehrstunde in Gewissensfreiheit wurde. Es ging um Abtreibung. Der Vatikan hatte die katholische Kirche in Deutschland dazu verdonnert, aus der Schwangerenkonfliktberatung auszusteigen. Jeder wusste, dies geschah gegen den Willen von Bischof Lehmann. Trotzdem musste er als Chef der Bischofskonferenz den Ausstieg verkünden. Bei der Pressekonferenz aber wich er vom vorbereiteten Manuskript ab.

Er verwies auf die Gewissensentscheidung der Frau, die von keiner Macht der Welt, auch nicht der Kirche, zu ersetzen sei und daher akzeptiert werden müsse. Hier sprach einer, der um die Tiefe der Konflikte wusste und der dafür kämpfte, das Katholische im Ernstfall nicht engherzig und doktrinär, sondern seelsorgerlich nah und doch ins Weite führend zu deuten. Er baute auf die Kraft des besseren theologischen Arguments, auch wenn er, der große Intellektuelle, gegenüber den diplomatisch gewiefteren Intriganten in seiner Kirche oft das Nachsehen hatte oder – wie bei der möglichen Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie – erst nach über zwanzig Jahren durch Papst Franziskus ins Recht gesetzt wurde. Man stelle sich eine katholische Kirche vor, die diese beiden, Lehmann und Franziskus, zwanzig Jahre jünger hätte erleben dürfen. Dann weiß man, warum Karl Lehmann in Zukunft nicht nur mir fehlen wird.