Das Meer holt sich, was es will. Den Hafen, Häuser, Bäume, Krämerläden, vieles hat es schon verschlungen. Und es rückt immer näher.

Am Strand von Diogué, einer Insel vor der Küste Senegals, steht ein Mann, die Schultern gebeugt, eine Lücke dort, wo seine Vorderzähne sein sollten. Er strahlt Ruhe aus. So wie einer, der die Dinge von allen Seiten durchdenkt, bevor er sich ein Urteil bildet. Und das ist auch seine Aufgabe.

Mamadou Sane, 49, ist einer der Notabeln, einer von sieben gewählten Würdenträgern von Diogué, wo es nur ein Dorf gibt und 800 Seelen. Die Würdenträger helfen dem Bürgermeister, Konflikte beizulegen, die Rasenden und Eifersüchtigen zu beschwichtigen.

Was Sane nicht besänftigen kann, ist das Meer.

An diesem Tag führt Sane einen Besucher über den Strand von Diogué, Ousmane Sarr, der in einem hölzernen Boot von der Nachbarinsel herübergekommen ist. Gemeinsam schreiten die beiden Männer nun die apokalyptische Küstenlandschaft ab, inspizieren die Schäden. Das meiste, sagt Sane, habe die See für immer verschluckt, nur manches lässt sich noch erkennen, wenn das Meer bei Ebbe zurückweicht. Die Reste der Hafenanlage, das Gerippe eines Hauses aus der Kolonialzeit, gewaltige Bäume, die das Meer entwurzelt hat. Auf seinem Weg sieht Sane lauter Dinge, die es nicht mehr gibt. "Dort", sagt er und deutet auf den Sandstrand, auf dem Fischerfrauen gerade frisch gefangene Zwerghaie ausweiden, "stand mal ein Viertel. Da hinten", Sane zeigt weit aufs Meer hinaus, "war mal der Leuchtturm". Drei Mal wurde der versetzt. Auch manche Fischer mussten drei Mal umsiedeln. "Sie bauten ein neues Haus, pflanzten Bäume, und als die gerade ein wenig gewachsen waren, stand erneut das Meer vor der Tür." Sane wurde vor einem halben Jahrhundert auf der Insel geboren, seither hat er verfolgen können, wie sich das Meer Stück für Stück die Insel einverleibte, die in der Mündung des Casamance-Flusses im Süden Senegals liegt. An der Seite, die dem Meer zugewandt ist, sagt er, habe es in den vergangenen acht Jahren achthundert Meter Land verschluckt. "Als uns vor zwanzig Jahren die Wissenschaftler sagten, dass das Küstendorf Diogué aufgrund des Klimawandels untergehen würde, glaubte ihnen keiner", sagt Sane. "Jetzt glauben es alle. Das Dorf wird von der Landkarte verschwinden. Und was hier geschieht, betrifft nicht nur uns, sondern die ganze Küste."

Fischfang ist für viele Menschen an Westafrikas Küsten die wichtigste Einnahmequelle © Robert van der Hilst/Getty Images

Die Erosion betrifft ganz Westafrika, von Mauretanien bis Kamerun, mehr als 6.000 Kilometer Küste. In der Region lebt etwa ein Drittel der Bevölkerung dicht am Meer, darunter allein fünf Millionen Menschen in Gebieten, die höchstens drei Meter über dem Meeresspiegel liegen. Es sind nicht nur Fischerdörfer, die vom Wasser verschlungen werden könnten. Auch Metropolen sind bedroht, darunter die 21-Millionen-Einwohner-Stadt Lagos in Nigeria. Mit den Küsten erodieren ganze Volkswirtschaften: An der Küste Westafrikas werden 56 Prozent des regionalen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet, hier befinden sich Fabriken, Raffinerien und Hotels. Allein in Togo, so errechnete die Weltbank im Jahr 2017, belaufen sich die Kosten der Umweltschäden auf mehr als sieben Prozent des Bruttosozialproduktes. Hinzu kommt der Schaden an der Natur. Durch den Klimawandel steigt nicht nur der Meeresspiegel, durch die vergrößerte CO₂-Aufnahme versäuert auch das Meerwasser, Stürme werden häufiger, die Regenzeit wird kürzer, Grundwasser und Böden versalzen.

© ZEIT-Grafik

"Der Meeresspiegel wird in diesem Jahrhundert wahrscheinlich um einen halben bis einen Meter ansteigen", sagt Jacob Schewe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Einzelne Studien halten sogar zwei Meter oder mehr für möglich." Wenn Klimaforscher wie Schewe Worte wie "wahrscheinlich" benutzen, dann vor allem, um deutlich zu machen, dass die Meere stärker anschwellen könnten, als sie bislang absehen. Dass der Meeresspiegel steigt, steht hingegen außer Frage. Nur zeigen sich die Folgen des Klimawandels in den Ozeanen mit Verzögerung: Erst langsam erwärmen sich auch tiefere Schichten der Weltmeere, schmelzen die Gletscher an den Polen und dehnt sich das Wasser aus. "Selbst wenn wir jetzt sofort die Emissionen stoppen würden, würde der Meeresspiegel weiter steigen, weil unsere Emissionen in der Vergangenheit das bereits angestoßen haben", sagt Schewe. "Das, was wir in den nächsten Jahren tun, wird sich auf den Meeresspiegel erst ab Mitte des Jahrhunderts auswirken."

In Afrika treffen die Folgen des Klimawandels mit besonderer Heftigkeit auf die besonders Schutzlosen. Dabei sind die Veränderungen, das zeigen Schewes Studien, von Region zu Region sehr verschieden. So könnten die Sahelstaaten aufgrund einer Rückkopplung mit dem Monsun bald sehr viel mehr Regen erleben: "Eine trotz der Anpassungsschwierigkeiten grundsätzlich positive Entwicklung", sagt Schewe. Am Mittelmeer hingegen rechnen Forscher mit zunehmender Trockenheit und Dürren. Teile Nordafrikas könnten so heiß werden, dass sie nicht mehr bewohnbar wären. Menschen wie Mamadou Sane auf Diogué können vergleichsweise wenig für den Klimawandel, ihr CO₂-Ausstoß war und ist schließlich sehr viel geringer als der von Europäern oder Amerikanern. Und doch haben sie unverhältnismäßig stark an den Folgen zu tragen.

Gleichzeitig wären die Folgen des Klimawandels in Diogué lange nicht so schlimm, hätte man nicht auch hier systematisch die Natur zerstört.