Kontaktanzeigen lesen

Als meine Mutter sich von ihrem Partner trennte, habe ich versucht, sie zu verkuppeln. Online-Partnerbörsen lehnte sie ab. Sie sagte, sie habe es oft genug geschafft, sich analog zu verlieben. Eine romantische Zufallsbegegnung sei in ihrem Alter allerdings selten. Wir einigten uns auf einen Kompromiss: Kontaktanzeigen.

Ich scannte das Angebot, fotografierte die vielversprechendsten Texte und schickte sie meiner Mutter. Ihre Reaktion war ernüchternd. Bald schickte sie mir nur noch den Smiley, der vor Lachen heult.

Dennoch bin ich den Kontaktanzeigen treu geblieben. Wenn ich mir eine Zeitung kaufe, sind sie das Einzige, was ich von vorne bis hinten durchlese. So werde ich das auch mit dieser ZEIT-Ausgabe machen: Ich nehme sofort das ZEITmagazin heraus, blättere zu den "Kennenlernen"-Seiten. In meinen Gedanken öffnet sich dann eine Flügeltür ins Café der Wartenden. Um einen Tisch gleich am Eingang versammeln sich all jene, die sich als "attraktiv" bezeichnen. Sie tragen Pullover mit V-Ausschnitt, und ihr schütteres Haar lässt die Kopfhaut durchscheinen. In einer Ecke versteckt sich das "Mitglied einer Theatergruppe und Volkspartei (nicht identisch)" hinter einer Zeitung.

Leises Saitenzupfen erklingt im Hintergrund. Neben der Fensterbank sitzt der "virale Sexifex, der beschwingt zur bukolischen Leier singt". Beseelt schaut er ins ferne Draußen. Das Türglöckchen klingelt, herein kommt: "Dein Traummann! Akademiker, 48 J., ledig, ohne Kinder, sportlich". Er ist natürlich mit dem Rad gekommen. Er klipst die reflektierenden Hosenklammern von den Fesseln und schwingt sich auf einen Barhocker. Am Tresen nippt der "mehrfache Multimillionär, stilvoll, kreativ, mit großem Herzen", an seinem Champagnerglas. Halt! Ein Fake? Hinter solchen Anzeigen stecken sicher dubiose Vermittlungsfirmen.

Ich begebe mich schon lange nicht mehr für meine Mutter in dieses Café. Ich tue es für mich. Die Anwesenheit der Wartenden beruhigt mich. Warum eigentlich?

Ich gebe Jan-Patrick die Schuld. Der Junge aus meiner Grundschulklasse, der aussah wie Nick Carter von den Backstreet Boys. Ich war so verliebt. Heimlich natürlich. Ich habe immer gehofft, dass es ihm auch so geht – gestanden habe ich es ihm nie (bis heute). Als ich mir die Haare kurz schnitt, verlor ich endgültig den Mut. Er meinte, ich sähe aus wie ein Junge.

Trotzdem bin ich bis heute eine Romantikerin geblieben. Und manchmal machen meine romantischen Erwartungen die Suche nach einem Partner unmöglich. Kontaktanzeigen helfen mir, mich zu erden. Die Menschen im Café der Wartenden betrachten die Liebe ganz nüchtern. Ich setze mich an ihren Tisch und begebe mich in eine Konfrontationstherapie. "Gegebenenfalls Ehe möglich", sagt "Pensionierter Direktor, 1,77, 73 kg". Was für ein beruhigendes Stakkato. Er steht auf und macht Platz für einen "tageslichttauglichen Mann mit viel Tiefgang". Er sagt, er würde gerne mit mir "auf wirtschaftlich unbeschwerte Weise eine Familie gründen". Das ist bodenständig. An etwas Ähnliches muss auch die "sympathische Akademikerin, 39", gedacht haben, die einen "Mann mit Kinderwunsch für Touren auf Berge" sucht. Vielleicht sollte ich sie miteinander bekannt machen.

Diese Menschen nutzen den Anzeigenmarkt als das, was er ist: einen Markt. Mutig bieten sie sich an, kennen ihren Preis und gehen nicht mit jedem Bieter mit, auch sie haben ihre Ansprüche. Die sind nicht niedriger als meine, nur realistischer. Und jedes Mal, wenn ich sie besuche, versuche ich, von ihnen zu lernen.