Als Peter Jung, Besitzer eines Currywurstladens im Frankfurter Bahnhofsviertel, nicht mehr weiterwusste, ging er los und kaufte einen Wasserschlauch. Die Gründe für sein Tun saßen in einem Hauseingang neben seinem Imbiss in der Taunusstraße: Crack rauchende Junkies und deren Dealer, die dort brüllten, stritten, gegen Wände pinkelten und Jungs Gäste anpöbelten. Denn die Droge Crack macht aggressiv.

Peter Jung hatte es aufgegeben, jedes Mal die Polizei zu rufen. Allein an der Kreuzung Elbestraße/Taunusstraße in Frankfurt, an der Jungs Imbiss liegt, wurden 2016 insgesamt 1.100 Straftaten registriert, vom Drogenhandel über schweren Raub bis zum versuchten Totschlag. Jung verlegte den Wasserschlauch von seinem Laden über die äußere Hauswand zum Eingang des Nachbargebäudes. Wann immer sich dort merkwürdige Gestalten niederließen, drehte er das Wasser auf. Der nasse Strahl zeigte Wirkung – Süchtige und Dealer machen inzwischen einen Bogen um den Imbiss.

Dabei schien es eine Zeit lang so, als wäre es gelungen, das Bahnhofsviertel vom schlechten Ruf zu befreien. Vor allem dank des sogenannten Frankfurter Wegs, den manche auch den "weichen Weg" nennen: eine Drogenpolitik, die nicht allein auf Repression setzt, sondern auch auf Hilfe für die etwa 5.000 Schwerabhängigen in der Stadt. Sie bekamen Konsumräume, wo sie sich – ganz legal und unter medizinischer Aufsicht – einen Schuss setzen können. Drei davon gibt es allein im Bahnhofsviertel, einen gleich bei Peter Jung um die Ecke.

Damit war das Drogenproblem zwar nicht aus der Welt, aber erträglicher für alle. Weniger Leute wurden bestohlen, auf den Straßen vagabundierten weniger Junkies umher, die Zahl der Drogentoten sank so von 147 (1991) auf 25 (2016). Mehr noch: Das Bahnhofsviertel wurde jetzt hip, aus Baulücken wuchsen schicke, teure Apartmenthäuser. Der Frankfurter Weg fand über die Stadt hinaus Anerkennung.

Dann aber kam das Crack. Und es schwammen 2015 im Strom der Flüchtlinge und Migranten auch viele neue Helfer für die Drogenmafia. 75 Prozent des Rauschgifthandels, sagt Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill, lägen in der Hand von Ausländern, vor allem von Nordafrikanern und Jamaikanern. Die meisten von ihnen seien erst seit ein, zwei Jahren in der Stadt.

Der "weiche Weg" scheint an seine Grenzen zu geraten. Das Bahnhofsviertel droht wieder in der Verwahrlosung zu versinken. Ulrich Mattner, der dem örtlichen Gewerbeverein vorsitzt und abends Touristen durchs schillernde Bahnhofsviertel führt, spricht von "unhaltbaren Zuständen" und "Staatsversagen".

Und Frankfurt ist nicht die einzige deutsche Großstadt, die mit diesem Phänomen zu kämpfen hat. In vielen Metropolen ist die Rede von Kriminalitätsbrennpunkten, von Orten, die von den Behörden als "gefährlich" bezeichnet werden. Diese Einstufung zum "gefährlichen Ort" verleiht der Polizei Sonderrechte. Sie darf dort jeden Menschen kontrollieren, auch ohne konkreten Verdacht. Die Ordnungsbehörden konzentrieren hier ihre Kräfte, bilden Schwerpunkte. Frankfurt hat zwei solcher Plätze, Berlin neun, Köln dreizehn, Hamburg drei, München mit dem Hauptbahnhof nur einen.

Meist liegen diese Orte mitten in der Stadt. Fast jeder ist hier schon einmal vorbeigekommen und kann, wenn nicht aus eigener Erfahrung, so doch vom Hörensagen Geschichten erzählen von Anmache und Abzocke, von Beschaffungskriminalität und einem Klima der Aggression. Dabei muss das tatsächliche Risiko, gerade dort Opfer einer Straftat zu werden, für den normalen Bürger nicht einmal besonders hoch sein. Ein Großteil der Kriminalität geschieht innerhalb der einschlägigen Milieus. Überhaupt sinkt laut Statistik schon seit Jahren die allgemeine Gefahr, bestohlen, beraubt oder zusammengeschlagen zu werden. Und manchmal wird ein Ort auch nur deswegen als "gefährlich" abgestempelt, weil einige besonders sensationslüsterne Medien ihren Lichtkegel darauf richten.