Ist der early access day schuld, der neuerdings dem weniger exklusiven preview day vorangeht? Oder doch eher die Frankfurter Ausstellung der Werke von Jean-Michel Basquiat, die einen Verjüngungseffekt auf die altehrwürdige The European Fine Art Fair (Tefaf) hat? Zur Eröffnung stahl jedenfalls ausgerechnet ein gerade mal 36 Jahre altes Gemälde des US-Amerikaners auf der weltweit führenden Messe für alte Kunst und Antiquitäten sämtlichen anderen, mitunter jahrtausendealten Kostbarkeiten die Show.

Kaum füllten sich zur Eröffnung der 31. Ausgabe die Gänge, schwirrten vor allem junge Besucher um das Totem betitelte Holzbrett mit der expressiv bekritzelten, wie beiläufig befestigten Papieroberfläche herum. Scharen von Amerikanerinnen zückten am Stand der New Yorker Galerie Van de Weghe ihre Smartphones, um sich über die Höhe des letzten spektakulären Auktionspreises einig zu werden. So manche dürfte enttäuscht gewesen sein, als der Galerist dann den Verkaufspreis verriet: 3,3 Millionen US-Dollar.

Szenen wie diese erlebte man bisher eher bei älteren Werken der Kunstgeschichte. Jetzt sind also auch bei der Tefaf die Zeitgenossen dran. Sie bleibt die Messe der Superlative. Die museale Qualität auf den 275 Ständen verschlägt einem verlässlich den Atem. Die Vielfalt ebenso. Kaum eine Nische, die ein Spezialist nicht befriedigen könnte. Uhren aus dem golden age findet man bei den Niederländern Mentik & Roest. Landkarten und Atlanten aus demselben Zeitalter bei Daniel Good Rare Books aus England. Hier kann schon mal die Ingolstädter Erstausgabe des Astronomicum Caesarum (1540) von Peter Apian mit über eine Million Euro zu Buche schlagen. Die Provenienz ist einwandfrei. Das Stichwort fällt in Zeiten von Raubkunst-Debatten, grassierenden Fälschungen und Restitutionsansprüchen ohnehin im Minutentakt, weswegen viele der Galeristen die Besitzhistorie lieber gleich unter den Werktitel schreiben. Das gilt selbst für Ritterrüstungen. Beim Londoner Peter Finer finden die Ungetüme reißenden Absatz.

Delfter Porzellanfiguren gab es en masse bei den Antiquaren von Aronson aus Amsterdam. Die Dichte der roten Verkaufspunkte nahm hier mit jeder Vernissage-Stunde zu. Nur die berühmten Blumenbeete der Messe befinden sich definitiv auf dem Rückzug: Sie machen den Austern- und Sushi-Bars Platz.

Für die größte Faszination sorgt aber immer noch die Malerei. Wo kann man schließlich schon an einem einzigen Stand Bilder von Delacroix, Matisse, Chagall, Miró, Renoir, Picasso und Van Gogh begutachten? Um dessen beinahe abstrakt wirkendes Gemälde mit Fliedermotiv, Lilacs von 1887, versammelten sich erneut auffällig junge Anzugträger. Die Leiter der 90 Jahre alten Hammer Galleries aus New York verweigerten dennoch standhaft jede Auskunft zum Preis; schließlich ist auch diese Trophäe längst reserviert. Der Londoner Fine-Art-Händler Dickinson hingegen informierte mit winzigen Preisschildern über ein 1,8 Millionen Euro teures Werk von Ernst Ludwig Kirchner und einen Monet für 4 Millionen Euro.

Das filigrane Bernsteinschachspiel war lange im Besitz der Dukes of Atholl

Auch die alten Meister halten in Maastricht im Gegensatz zu anderen Vergleichsmessen die Stellung. Vor Cranachs, Brueghels und den diversen Bosch-Jüngern kann man sich kaum retten. Eine Mater dolorosa von Bartolomé Esteban Murillo wechselte bei Colnaghi gleich nach dem Aufhängen für eine siebenstellige Summe den Besitzer. Da kann wohl nur noch die immer größere Bedeutung erlangende Juwelenabteilung mithalten, bei der man erst breitschultrige Security-Männer passieren muss, um einen Blick auf die einst von Majestäten getragenen Diamanten und Edelsteine zu werfen.

Die Tefaf wäre keine Klasse für sich, wenn man nicht in Schrittnähe Zuflucht vor derlei Streben nach Geldanlagen finden könnte. Ins Herz einer sinnlich inszenierten Wunderkammer zwischen Renaissance und Barock lässt sich nirgendwo so treffsicher eintauchen wie am Stand von Georg Laue. Die Kennerschaft des Münchners hat sich längst herumgesprochen. Lauter Prachtstücke. Etwa das Bernsteinschachspiel mit komplett erhaltenen filigranen Spielfiguren, das um 1690 in Danzig entstanden ist (580.000 Euro). Auf die Provenienz ist man sichtlich stolz: Das Spiel befand sich von 1758 bis vor wenigen Jahren im Besitz der Dukes of Atholl auf Blair Castle in Schottland.

Wer zu einem erheblichen Zeitsprung bereit ist, der schaut bei der Galerie Ulrich Fiedler vorbei. Fiedler und seine Frau Katharina Evers sind seit dreißig Jahren spezialisiert auf Möbel der klassischen Moderne. Natürlich sammeln die Berliner auch alles, was den Stempel Bauhaus trägt. Das nahende Jubiläumsjahr der weltberühmten Kunstschule macht sich an ihrem Stand schon von Weitem bemerkbar. Seiten aus dem ersten Bauhaus-Verkaufskatalog von 1925 schmücken die Wände.

Zwischen dem B5-Stuhl von Marcel Breuer (12.000 Euro) und einem Schalen-Trio von Marianne Brandt (60.000 Euro) schlummert auch das berühmte, 1923 entworfene Schachspiel von Josef Hartwig (50.000 Euro). Auf die Frage, ob das Jubiläum das Interesse an dem Spezialgebiet steigen lasse, schüttelt Evers gleichmütig den Kopf. Die internationale Sammlerschaft bleibe überschaubar und konstant. Von einer plötz- lichen Kaufeuphorie könne keine Rede sein.

Das gilt wohl auch für manch kurioses Objekt. Bei Burzio aus London etwa begegnet man dem delikat gemalten Kopf eines Toten. Dem mumifizierten Krokodil bei Rupert Wace Ancient Art (London) ist die Herkunft aus der römisch-ptolemäischen Zeit nicht anzusehen. Für 38 000 Euro darf man das Geschehen hinter den vergilbten Bandagen erforschen. Nur, wer möchte das? Und auch an einer Arzttasche von 1750 können sich bei der Pariser Galerie Delalande (14.000 Euro) wohl nur finanzvergessene Exzentriker erfreuen. Die Medizinflaschen enthalten ein dubioses Dover’s Powder und ein Castor Oil. Man riecht beinahe das Vergehen der Zeit. Und das lässt sich selbst mit einer achtstelligen Summe nicht stoppen.

Wer sich all diese Kostbarkeiten und Kuriositäten aus vielen Jahrhunderten aus der Nähe persönlich anschauen mag, kann dies noch bis zum 18. März in Maastricht tun. Die Tagestickets gibt es für 40 Euro auch online zu kaufen.