Ausnahmesituation in Leipzig: Die Rollköfferchen-, Schildpattbrillen- und Cordhosendichte nimmt in diesen Tagen dramatisch zu, aparte Ledertaschen verdrängen Eastpak-Rucksäcke, Budapester das handfestere Schuhwerk vom Deichmann, rot geschminkte Lippen versuchen, künstlichen Nägeln den Rang abzulaufen – das Stadtbild in Leipzig verschiebt sich: Vier Tage lang bestimmt die Buchmesse den Puls der Stadt.

Etwas besonders Schönes jedoch findet außerhalb der verglasten, mit flanierenden Besuchern zum Bersten gefüllten Messehallen statt: In jedem Winkel der Stadt, in jeder Kneipe, in zahlreichen Buchhandlungen, Galerien, Geschäften und privaten Wohnzimmern wird gelesen werden – oder genauer gesagt: vorgelesen. Das die Messe flankierende "Leipzig liest"-Festival für alle und jedermann ist und bleibt der heimliche Star jeder Buchmesse, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: "Leipzig liest" ist jedes Jahr aufs Neue nicht nur großes, sondern riesiges Kino.

Auch bei der Buchmesse geht es natürlich ein bisschen ums Drumherum, um mindestens zwei prall gefüllte Tragetaschen, in denen erbeutete Gratisexemplare hochpreisiger Zeitschriften zwischen Kugelschreibern, Schlüsselbändern und Gummibärchentüten rascheln; um das staunende Betrachten der jungen Perückenträger der Manga Convention, bei der eine fantasievoll gewandete Fan-Schar abwechselnd vor den Toiletten und vor kichernden japanischen Manga-Zeichnern für ein Autogramm ansteht. Man merkt vielleicht: Ich freue mich auf diese ganze Show.

Ein Schatten aber schiebt sich seit Langem über die berechtigte Vorfreude. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Diskussion um die Präsenz rechter Verlage auf der Messe und den Umgang mit ihnen erneut aufflammen wird. Die Kontroverse um den Schriftsteller Uwe Tellkamp und dessen Äußerungen im Dresdner Kulturpalast zum Thema "Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?" dienen als erster Vorbote dieses drohenden Konflikts.

Wenn Tellkamp einen von ihm empfundenen "Gesinnungskorridor" in Deutschland beklagt und feststellt, dass seine Meinung "geduldet" sei, aber nicht "erwünscht", dann muss man gerechterweise auch fragen dürfen: Stimmt das denn eigentlich? Wenn man in Deutschland unter großer Beachtung und berechtigter Würdigung publiziert, wenn man als Buchpreisträger und Stimme des Landes zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen wird, um gerade das zu tun, war er nicht tun zu sollen glaubt – nämlich seine Meinung darzulegen –, dann klingt das für mich nicht nach ausgemachter Unerwünschtheit.

Ich frage mich ernstlich: Reicht das nicht? Was wollen die Rechten eigentlich noch?

Tellkamp sprach weiter davon, dass "95 Prozent" der Flüchtlinge nur hier seien, weil sie in "unsere Sozialsysteme" einwandern wollten, und man fragt sich, ob hier nicht gerade bei jenen die Werte verfallen, die nicht müde werden, den Werteverlust öffentlich zu beklagen?

Denn vielleicht gehörte es bis eben noch zu den letzten verbliebenen Werten des modernen, wiedervereinigten Deutschlands, dass man eben gewisse Dinge nicht ständig in der Öffentlichkeit ausbreitet, weil man sie bei Lichte betrachtet zu Recht als ein bisschen unwürdig, kleinlich, wenig dem klassischen Humanismus verpflichtet oder als schlicht faktisch falsch ansieht? Weil man vielleicht auch aus einem noch immer vorhandenen Respekt vor dem Mitmenschen, vor der Stigmatisierung ganzer Gruppen zurückschreckt?

Um es klar zu sagen: Ich weiß, dass man Ängste und Sorgen nicht verbieten kann. Weil sie da sind. Ich würde auch nicht verbieten wollen, dass man darüber redet. Meinetwegen sogar coram publico.