Eine Buchmesse – wie gerade die jetzige in Leipzig – wird gerne für Erfolgsmeldungen und Eigenlob genutzt. Noch nie so viele Titel, noch nie so schöne Bücher, noch nie so viele Besucher! So klingt es oft. Die jüngste Wahrheit ist leider, dass die Kurve nach unten zeigt. Die Zahl der Buchkäufer hat abgenommen, die Branche macht sich Sorgen.

Zwar kann sich niemand an eine Zeit erinnern, da sich die Verleger und Buchhändler keine Sorgen gemacht hätten, doch diesmal ist es ernst, und die Ursache dafür steht fest. Sie liegt keineswegs darin, dass die Menschen weniger läsen, nicht darin, dass die fraglichen Bildungsinstitutionen, von der Stiftung Lesen bis zu den Schulen und Universitäten, kläglich versagt hätten. Es wird ja nicht weniger gelesen als früher, vielleicht sogar mehr. Der Unterschied: Man liest jetzt im Netz statt im Buch.

Diese Art des Lesens – nennen wir sie das schnelle Lesen – dient der Information und der Kommunikation. Was die zahllosen Zeitgenossen mit ihrem gebeugten, vom Display leicht erleuchteten Haupt in der Regel tun, wird man nicht anders als Lesen nennen können. Viele Menschen verbringen einen Großteil des Tages damit (zuweilen auch der Nacht), und es wäre sinnlos, darüber zu klagen.

Sich im Netz bewegen zu können ist eine Kulturtechnik, die selbstverständlich erlernt werden muss. Es liegt auf der Hand, dass die Schnelligkeit des Lesens und Reagierens dabei von Vorteil ist. Das Buch aber ist von Hause aus ein langsames Medium. Alle Versuche, es schneller zu machen – durch Absenkung des Anspruchs im Innern und Steigerung seiner Reize im Äußeren –, haben nicht viel gefruchtet. Bestimmte Felder, die etwa von Lexika, Wörterbüchern oder Ratgebern beackert wurden, sind ganz oder teilweise ins Netz gewandert. Wer nicht weiß, wie man Pesto zubereitet, geht nicht in die Buchhandlung, sondern ins Netz.

Schnell lesen zu können ist keine kleine Kunst. Die größere jedoch besteht darin, langsam lesen zu können. Nicht jeder schwierige Satz ist verunglückt, und nicht alles lässt sich in kurzen Hauptsätzen hinreichend sagen. In der Literatur gehören komplexe Satzgebilde, zum Beispiel bei Jean Paul oder Thomas Mann, zum erzählerischen Atem, zur ästhetischen Gestalt, und in der Philosophie sind sie oftmals die Bedingung des Erkenntnisgewinns.

Der Schriftsteller Alberto Manguel, der mit seiner Geschichte des Lesens bekannt geworden ist, erzählte einmal, dass er frühmorgens, noch nicht völlig wach und noch ohne Frühstück, am liebsten Dantes Commedia lese, mit einem Puls sozusagen, der noch langsam genug sei, um der Schönheit und Tiefe des Werks gerecht zu werden.

Manches versteht man nur, wenn man es langsam liest.

In Manguels Buch erfährt man übrigens auch, dass es noch im Mittelalter üblich war, laut zu lesen. Vielleicht spielten Kontrollgründe eine Rolle. Unziemliche Stellen wurden somit hörbar. In der Hauptsache jedoch diente das laute Lesen der Konzentration.

Wer ein Buch bei der ersten Lektüre nicht ganz kapiert hat, sollte den unwahrscheinlichen Fall nicht ausschließen, dass es nicht am Buch liegt, sondern am ihm selber. Es könnte sein, dass die Schulen und Universitäten nicht allein Wert darauf legen sollten, möglichst viel Stoff in möglichst kurzer Zeit durchzunehmen, sondern im Gegenzug strikte Verlangsamungsübungen zu praktizieren. Zum Trainingsprogramm würde auch der schwierige Tempowechsel gehören sowie die Kunst, Texte, die ein langsames Lesen erfordern und verdienen, erkennen zu können. Das mag die Kritik der Urteilskraft sein oder die Packungsbeilage.

Wenn das Lesen nicht mehr unter dem Diktat der Zeitknappheit stünde, wenn das langsame Lesen mehr geschätzt und mehr geübt würde, dann hätten die Verlage, die unverdrossen sperrige Bücher publizieren, weniger Probleme. Und sie wären besser vor der Versuchung geschützt, weiterhin den Markt mit überflüssigen Büchern zu fluten, die durch die neuen Kommunikationsformen nach und nach entbehrlich werden. Denn das Buch an sich, eine der ältesten und genialsten Erfindungen, wird auch die Digitalisierung überleben.

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