Wir treffen Madame Nielsen in Kopenhagen, in der Dachgeschosswohnung ihrer Agentin. An allen Wänden volle Bücherregale. Auf dem Beistelltisch liegt das viel diskutierte Buch Sieben Nächte von Simon Strauß, dem jungen deutschen Autor und Theaterkritiker der FAZ. "Das lese ich gerade", sagt die Agentin, die fließend Deutsch spricht. Und man denkt sofort: Wie passend! Die Erzählerstimme der Sieben Nächte könnte man sich gut vorstellen als Teil jener Gemeinschaft, die in Madame Nielsens Der endlose Sommer die Welt in intensiveren Farben imaginiert. Die Romantik und ihre wiederkehrenden Renaissancen sind und waren nie etwas exklusiv Deutsches.

Strauß’ Buch sollte vor einigen Wochen skandalisiert werden, indem man Strauß’ Sehnsucht nach einer neuen Romantik für politisch gefährlich, ja für rechtsradikal hielt. Auch Madame Nielsens Roman Der endlose Sommer ist der sprachmächtige Versuch, die Welt noch einmal zu romantisieren, sie strahlender, größer und sublimer zu machen, als sie im Spiegel unserer Verbitterungen und unseres Kleinmuts erscheint. Was nichts mit Verklärung zu tun hat, das Verkorkste des Lebens wird keineswegs ausgeblendet, im Gegenteil, vor ihm muss sich die Moral, die Haltung, die Form zuallererst beweisen.

Der endlose Sommer findet auf einem Gutshof in Jütland statt, der zunächst einen ziemlich düsteren Eindruck macht, weil über allem der Psychoterror des misanthropischen Stiefvaters lastet, der weiß, dass seine Frau, "die Mutter", wie sie immer genannt wird, seine Liebe nie erwidern wird, weshalb er sie hasst – und sich selbst für seine Kleinheit verachtet, für seine Minderwertigkeitskomplexe. Aber eines Tages ist der Stiefvater verschwunden (als hätte die eigene Verbitterung ihn verschluckt), und zurück bleiben die Mutter mit der aristokratischen Gestalt, die jeden Morgen ihren Hengst reitet, das Mädchen, ihr Freund (dessen Perspektive der Erzähler einnimmt) und die zwei jüngeren Brüder. Und plötzlich beginnt er, der endlose Sommer, in dem alles möglich ist, die Zeit und das Licht stillstehen, alle aufleben und der düstere Gutshof sich in eine Art Hippie-Kommune verwandelt, in der für jede Exzentrizität Platz und Luft zum Atmen da ist – "als wäre der weiße Hof ein Gouverneurspalais auf St. Croix in den letzten Tagen des Kolonialreichs, wo alles zu spät ist und mit einem Mal alles endlich erst möglich".

Erst wenn alles zu spät ist, ist alles möglich, diese melancholische Geschichtsphilosophie grundiert den Roman, dessen Gegenwart immer wieder wie von einem Windhauch von einer untergegangenen Vergangenheit durchweht wird, als würde alles, was einmal glänzend war, wie in einem Kostümfilm wiederauferstehen, aber echte Herzen höherschlagen lassen. Alles kann verwandelt werden, ist die geheime Botschaft, alles kann über sich hinauswachsen, dann nimmt das Leben selbst märchenhafte Züge an. Nichts ist festgelegt.

Nichts ist festgelegt – das ist auch eine der Grundüberzeugungen von Madame Nielsen. Ja, man könnte sogar sagen, Madame Nielsen sei geradezu ein Ausfluss dieser Grundüberzeugung. Denn es gibt sie erst seit 2013, damals war die Person, die jetzt unter dem Namen Madame Nielsen Romane schreibt, in vielerlei Hinsicht an ein Ende gekommen und in einer Lebenskrise, als sie im Schrank der Mutter ihres (damals: seines) Sohnes ein Kleid fand, von dem sie sich stark angezogen fühlte. Immer öfter wurde es angelegt, bis klar war, dass es das ist. Auf das Kleid folgte die Selbsttaufe: Madame Nielsen.

In einem langen, roten Kleid sitzt sie einem an dem kleinen Teetischchen gegenüber, die Beine damenhaft übereinandergeschlagen, sehr hochgewachsen (auch für einen Mann), aber auf eine Art untergewichtig, die sogleich Sorge auslöst. Die Agentin hat eine von Wunschdenken diktierte Riesenauswahl an Kuchen bereitgestellt, dazu eine große Schale mit Keksen. Immer wieder führt Madame Nielsen pflichtschuldig mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger ein Stück Gebäck zum Mund, das danach aussieht, als hätte eine winzige Maus flüchtig daran geknabbert.

In Skandinavien ist Madame Nielsen seit Langem eine berühmte Performance-Künstlerin. Jetzt könnte man sagen: "Ah, ›Madame Nielsen‹ ist halt eine Performance-Figur!", aber das wäre eins der wenigen Dinge, mit denen man die hinreißend charmante Autorin, der man sonst so ziemlich alles an den Kopf werfen kann, wirklich verstimmen würde. Sie mag das Wort Performance nicht. Mit dem Begriff "Experiment" könne sie sich schon besser arrangieren. Ob das nicht, wollen wir wissen, ein wenig widersprüchlich sei, wenn man als Performance-Künstlerin den Begriff Performance für sich ablehnt? Und sie antwortet in der für sie typischen Mischung aus Zerbrechlichkeit und Unbeirrbarkeit: "Von außen mag es aussehen wie eine Performance, für mich aber ist es das Leben."