Viele glauben heute, die Liebe sei bloß ein Gefühl. In Wahrheit ist sie eine Lebensweise, eine Utopie und eine irdische Art, an der Unendlichkeit teilzuhaben. Die Schriftsteller der Romantik behaupteten deshalb: "Liebe ist Religion zu zweit." In der Bibel dagegen war die Liebe noch größer gedacht: "Die Liebe höret nimmer auf. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören."

Wer das rätselhaft und vorgestrig findet, wer überhaupt das Evangelium nicht mehr für lesenswert hält, der kann es sich jetzt anschauen. Der große Osterfilm Maria Magdalena erzählt die christliche Heilsgeschichte noch einmal neu: am Beispiel einer zu Unrecht als Hure verfemten Frau, eines inmitten seiner Bewunderer einsamen Heilands und einer kirchenoffiziell unerwünschten Liebe. Das hätte sehr feministisch und sehr kitschig werden können. Es ist aber ein ergreifendes und kluges Epos über die Liebe und was Jesus mit dem Wort wirklich gemeint hat. Der australische Regisseur Garth Davis macht aus dem Erlösungsgeschehen von gestern ein Erlösungsversprechen für heute. Sein Film handelt auf moderne Weise von der alten Sehnsucht nach Vollkommenheit, die der Gottessohn inmitten einer unvollkommenen, elenden und grausamen Welt entfacht. Dieser Jesus verkörpert die unwahrscheinliche Hoffnung, dass es eine bessere Welt gibt: Er nennt sie "das wahre Königreich Gottes", aber nie im Ton des Triumphes, sondern manchmal fast warnend, und er wirkt besorgt, wenn seine Jünger dieses Reich allzu siegesgewiss verkünden. Sie ahnen ja nicht, wie hoch der Preis sein wird.

Maria Magdalena schon. Darin ist die Fischerstochter vom See Genezareth ihm ähnlich, in ihrer Empfindsamkeit und Eigenwilligkeit, in ihrem Blick für die verletzlichen Menschen und ihrer Distanz zu den frommen Großsprechern jener erlösungssüchtigen Zeit. Vielleicht hält sich der Gottessohn deshalb an die junge Frau: weil sie sich Gottes am wenigsten gewiss ist. Ganz am Anfang des Films, als er ihr im Haus ihres Vaters zum ersten Mal begegnet, fragt er sie: "Wonach sehnst du dich?" Und sie antwortet: "Ich weiß es nicht. Ich möchte Gott kennen." Das scheint dem Heiland, der zunächst ganz bescheiden als Heiler auftritt, zu gefallen. Ihr wiederum gefällt, dass der Fremde nicht glaubt, was ihre abergläubische Familie glauben will: Sie sei von Dämonen besessen. Dieses Motiv aus dem Lukas-Evangelium wird im Film endlich entlarvt. Tatsächlich will Maria hier einfach nicht heiraten, vor allem will sie nicht verheiratet werden und unter die Fuchtel eines ungeliebten Ehemannes geraten. Auch hat sie, die ihrer Schwester zu Beginn des Films beim Gebären eines Kindes beistand, wohl selbst heimlich Angst davor. Das genügt dann, um anders zu sein, also verdächtig. Ihre Andersartigkeit aber ist auch verführerisch.

So porträtiert der Film eine der umstrittensten Figuren der Kirchengeschichte: als Außenseiterin, nicht als Hure. Marias Unschuld ist es eigentlich, die provoziert, dieser naive Hochmut, der sie wünschen lässt, dem sanften Heiler aus Nazareth zu folgen. Und sie tut es: desertiert aus dem konventionellen Frauenschicksal in das abenteuerliche Leben für eine Idee, schlimmer noch, für einen neuen Glauben. Sie tut es dem Zorn ihrer Brüder, dem Schmerz ihres Vaters und der Eifersucht des Apostels Petrus zum Trotz. Das klingt nun frauenbewegt, aber der Film vermeidet tunlichst jeden Neofeminismus, vor allem dessen peinlichen Fehler: alle Männer als Patriarchen zu verteufeln und alle Frauen als bessere Menschen zu glorifizieren. Die Glorifizierer, Verklärer, Eiferer kommen bei Garth Davis durchgängig schlecht weg. Wer Zweifel und Fragen hat, scheint dagegen auf dem richtigen Weg zu sein. Als Maria Magdalena mit Jesus und seinen Jüngern durchs Heilige Land zieht, durch die Berge, sitzen die beiden einmal allein auf einem Stein und schauen hinunter auf das weite Wasser. Da erzählt sie ihm, wie es war, sich als Kind möglichst tief in den See sinken zu lassen, schwerelos, frei, unerreichbar für alle, immer tiefer und tiefer, kühl und entrückt. Sie fragt ihn: "Ist das vielleicht das Gefühl, mit Gott eins zu sein?" Jesus aber schaut sie an, überrascht lächelnd, und antwortet: "Niemand hat mich das je gefragt."

Das ist schon fast die ganze Liebesgeschichte. Maria Magdalena folgt Jesus, und Jesus vertraut ihr, weil sie ihn anders und vielleicht tiefer versteht als die anderen Jünger. Nein, es gibt hier keine Sexszenen, die geeignet wären, wütende Proteste von Katholiken auszulösen, wie in den achtziger Jahren Martin Scorseses Letzte Versuchung Christi. Darin entzog sich Jesus dem Tod am Kreuz und gründete eine Familie. Zu einem solchen profanen Happy End kommt es diesmal nicht, nicht einmal zu einem leidenschaftlichen Hollywoodfilmkuss. Aber das ist nicht prüde und auch nicht feige, sondern konsequent. Denn der Film will auf etwas Größeres hinaus, auf die Frage, was Jesus nun wollte und was davon in der Kirchengeschichte verschütt gegangen ist. Maria wird sich mit Petrus jedenfalls nicht einig, schon zu Lebzeiten des Heilands, was das verheißene Reich Gottes sei. Der Apostel glaubt, es müsse notfalls gewaltsam erkämpft werden. Die Apostelin glaubt, es ereigne sich im Innersten eines jeden Menschen. Sie sagt: "Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern."

Dieser Zwist führt direkt zu dem österlichen Finale, das man aus dem Johannes-Evangelium kennt: Nach dem grausamen Foltertod Jesu am Kreuz und nach seiner Grablegung ist es Maria Magdalena, der der Auferstandene erscheint. Sie überbringt die frohe Botschaft an Petrus – und stößt auf Unglauben. Anders als in der Bibel ist das aber kein Problem unter vielen, sondern der ganze Film führt darauf hin und denkt es zu Ende: Maria Magdalena, die in Jerusalem, noch vor der Kreuzigung, dem erschöpften Jesus die Füße wäscht und als Einzige seine dunklen Vorahnungen teilt. Ihr allein kann er seine Angst anvertrauen, sie kann er bitten, ihn nicht zu verlassen. Maria Magdalena, die ihre Augen nicht abwendet von dem Martyrium am Kreuz. Maria Magdalena, die seine Auferstehung nicht anzweifelt, sondern freudig begrüßt als Einlösung eines Versprechens. Maria Magdalena, die zornig vor Petrus steht, der seine eigene Wahrheit erfindet, um darauf eine Kirche zu bauen, auf Gebote und Gesetze statt auf die unsichere Liebe.

Ja, dieser Film ist ein echter Hollywoodfilm mit großen Schauspielern (Rooney Mara als Maria, Joaquin Phoenix als Jesus) und grandiosen Landschaften – aber er ist keineswegs profan. Er erinnert die Zuschauer daran, dass die Dogmen nicht die Botschaft sind, und dass Jesus ein anderes, barmherzigeres Verhältnis zu den Sündern hatte als seine Kirche. Deshalb nimmt der Film auch der Judas-Geschichte ihre antisemitische Spitze und macht die Figur zum wichtigsten Sympathieträger neben Maria Magdalena. Dass in der Apostelgeschichte nun eine Apostelin auftaucht, ist keine Provokation, sondern eine längst fällige Ergänzung. Durch Maria Magdalena wird klar, was Liebe ist: keine private Sehnsucht, sondern etwas Irdisches und Ewiges, das Furcht erregt, weil es die Welt vollkommen verändern kann, wenn man daran glaubt.

"Maria Magdalena" läuft ab 15. März in den Kinos.