Ich weiß noch, wie ich einst mit meinen studentischen Freunden in unseren Wohngemeinschaften beisammensaß, mit Christian und Dieter. Wir sprachen darüber, wie es weitergehen solle in Deutschland. Ich war enthusiastischer als die beiden, was den Mauerfall betraf. Während meine Freunde die Ereignisse aus großer räumlicher Distanz – in Münster – am Fernsehen verfolgt hatten, war ich mit dem Auto nach Berlin gefahren. Ich konnte in jenem November 1989 gar nicht anders, ich war begeistert. Diese Begeisterung wurde auch nicht getrübt durch das Meer schwarz-rot-goldener Flaggen, die ich auf dem TV-Schirm meiner Mutter sah, als Helmut Kohl Dresden besuchte. Wo einheitstrunkene DDR-Bürger auf ihre Erlösung warteten.

Ja, zwischen Münster und Helmstedt an der "Zonengrenze" lagen nicht allein 282 Kilometer; politisch-psychologisch lagen Welten zwischen uns und dem dahinter. Die Debatten mit meinen Freunden drehten sich um die Frage, ob man denen da drüben trauen könne oder ob uns die Einheit bringen würde, was wir überwunden zu haben glaubten: rückwärtsgewandten Nationalismus. Ich war ganz entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten optimistisch, sie waren es nicht. Ich dachte, wir müssten 44 Jahre nach Kriegsende nun reif genug sein für einen aufgeklärten Patriotismus ohne Ausgrenzung. An dieser Einschätzung änderte sich auch nichts, als marodierende Horden in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda gegen Migranten mobilmachten.

Im Spätsommer 1992 zog ich mit 28 Jahren selbst als Journalist nach Sachsen-Anhalt – und kehrte nicht wieder in den Westen zurück. 26 Jahre später muss ich nun aber leider sagen: Meine Freunde haben recht behalten.

Gewiss, ich hatte gute Jahre in Bernburg, Wittenberg und Halle. Die Arbeit machte mir Freude. Ich lernte ebenso nette wie lustige Kollegen kennen – und gewann neue Freunde. Als mein Kölner Freund Günter mich mal besuchte und wir auf einem Dorffest rechte Glatzen trafen, relativierte ich: Ja, es sei anders im Osten. Aber die Glatzen seien in der Unterzahl. Was mir in jener Zeit mehr zu schaffen machte, war, dass sich in der alten Heimat fast niemand zu interessieren schien für das, was in meiner neuen Heimat vor sich ging. Spätestens nach der Antwort auf die zweite Alibifrage hörte der Fragesteller nicht mehr hin. Der Osten war zweitrangig, bestenfalls.

1998 zog die rechtsextreme Deutsche Volksunion mit 12,9 Prozent in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Das war für mich eine verstörende Erfahrung, vornehmlich deshalb, weil der Wahlerfolg ausschließlich mich zu verstören schien. 1999 schrieb ich einen kritischen Artikel über einen CDU-Kommunalpolitiker, dessen Aussehen und dessen Auftritte an die dreißiger Jahre erinnerten – danach begann für mich ein Spießrutenlauf. Mochte dieser Mann auch tüchtig rechts sein: Die Einheimischen betrachteten ihn als einen der ihren. Ich fühlte mich isoliert. Ebenfalls in jenen Jahren berichtete ich über einen Prozess gegen Neonazis, die in Ostberlin aus nichtigem Anlass Wittenberger Gesinnungsgenossen getötet hatten. Trotz alledem veröffentlichte ich 2001 einen Essay, in dem ich davor warnte, rechtes Gedankengut allein in Ostdeutschland "zu verorten". Einseitige Schuldzuweisungen würden der Lage nicht gerecht, und eine Stigmatisierung der Ostdeutschen würde diese lediglich verschlimmern. Und es stimmt ja, dass eine Nachbarin im Münsterland mich Wehrdienstverweigerer noch 1983 fragte, warum ich denn nicht zur "Wehrmacht" wolle. Wahr ist überdies, dass es Rechte im wohlhabenden Bayern ebenso gibt wie auf der Schwäbischen Alb oder unter Sauerländern. Umgekehrt sind nicht alle Ostdeutschen rechts, natürlich nicht.

Ich habe den Osten immer so verteidigt. Ich schrieb sogar ein Buch über Leute wie mich: Zweite Heimat – Westdeutsche im Osten. Ich porträtierte die, die nicht nur in die neuen Länder gezogen, sondern hier heimisch geworden sind.

Doch inzwischen hat sich für mich vieles geändert. Meine Sicht auf den Osten, auf diese zweite Heimat. Mein Verständnisreservoir ist, was Ostdeutschland betrifft, seit der Flüchtlingskrise aufgebraucht. Dass die AfD in Sachsen teilweise stärkste Partei ist – dass in Niedersachsen sechs Prozent der Wähler bei der AfD ihr Kreuz machen, in Sachsen-Anhalt aber 24 Prozent. Dass die Thüringer einem westdeutschen Rechtsaußen wie Björn Höcke scharenweise hinterherlaufen, alle fünf neuen Bundesländer in den Statistiken zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte weit vorn liegen – es ist mir unbegreiflich. Noch fataler finde ich, dass die scheidende Ostbeauftragte Iris Gleicke (SPD) attackiert wurde, als sie auf diese Probleme hinwies.

Ich weiß und ich verstehe, dass es den Ostdeutschen materiell immer noch schlechter geht. Ich weiß und ich verstehe, dass die allermeisten unter ihnen große biografische Brüche hinter sich haben, von denen sich die allermeisten Westdeutschen keine Vorstellung machen. Ich verstehe aber nicht, dass Menschen, die selbst vor 1989 zu Hunderttausenden, ja Millionen aus politischen und wirtschaftlichen Gründen gen Westen flohen, heute vielfach bloß Verachtung übrig haben für andere Menschen, die aus einem viel schwerwiegenderen Grund fliehen – vor Krieg nämlich.