Wieso malt ein Ostdeutscher Gemälde für Kirchen nach alter Meister Art? Gemälde, die ausschauen, als sei ihr Schöpfer im päpstlichen Rom aufgewachsen und nicht im entchristlichten Erfurt? Weil er, Michael Triegel, sich traut.

Und wieso fühle ich, ein agnostischer Ossi, mich gerade von diesen Bildern so angezogen? Warum berühren sie mich, warum sind sie mir Heimat? Warum sind sie das, was ich mir (Achtung, Anmaßung!) von Kirche erwarte? Weil ich mich traue. Die Erklärung dafür ist einfach, sie braucht nur ein Wort. Es lautet: Sehnsucht. Sehnsucht beginnt, wo Orientierung endet. Triegels und meine biografische Gemeinsamkeit ist unsere Herkunft. Zu Hause sein im Osten, das ist gleichbedeutend mit: zu Hause sein in Ungewissheit, Unsicherheit, Ungemütlichkeit. Ich klage darüber nicht, ich mag meine Heimat. Aber was viele immer vergessen, die über den Osten sprechen, das ist: dass 1989 zwar ein Einreißen aller Beschränkungen bedeutete. Zugleich jedoch auch einen Zerfall von Strukturen, einen Zusammenbruch von Fundamenten.

Ist es also ein Zufall, dass Michael Triegel, ein Zweifler, ein Erschütterter aus dem Osten, der beste religiöse Maler seiner Zeit geworden ist? Nein, im Gegenteil. Es ist kein Zufall, dass nur ein Ostdeutscher zu jener konservativen Malerei imstande ist, die die Kirche braucht, um zu bleiben, was sie ist: ein Ort, dessen Zauber in jahrhundertealter Selbstverständlichkeit liegt. Und nicht im Zeitgeist. Nicht im Stahlbeton, aus dem Kirchen heute gebaut werden, weil man sich Kirche nicht mehr wagt, wie sie mal war. Vielleicht musste erst einer von außen kommen, einer wie Triegel, musste den Zauber sehen, um das letztlich zu erkennen.

Ich glaube nicht an Gott, vermutlich werde ich es auch nie tun. Und trotzdem ist da etwas, das Triegel in mir weckt. Deshalb bin ich ihm, jetzt am Sonntag, hinterhergereist, in ein fränkisches Örtchen namens Baunach. Dort hängte er sein neuestes Bild auf, es ist das Altarbild der Kirche St. Oswald. Seit Monaten saß er daran. Schon im Dezember hatte ich ihn in seinem Leipziger Atelier besucht, damals war das Werk noch nicht fertig, dieses riesige Weihnachtsmotiv: Christi Geburt in Überlebensgröße, auf radikalste Weise dargestellt. Der Stall ein Ort kalter Unbehaglichkeit, Maria und Josef nicht nur glücklich, sondern auch besorgt. Das Kind – kaum geboren – schon in Gefahr: Über ihm schweben Totenköpfe. Jeder Geburt wohne bereits die Traurigkeit inne, sagte Triegel damals im Atelier: Die Geburt sei "der erste Schritt zum Sterben hin. So ist es im echten Leben und theologisch ohnehin. Ohne Geburt keine Passion, ohne Passion keine Auferstehung."

Totenköpfe, die über dem Baby kreisen, der besorgte Blick der Mutter, das verletzliche Kind! Zu wenig geheimnisvoll ist das einigen Kritikern, zu schlicht, zu banal, na klar! Oder anders gesagt: viel zu klar, viel zu deutlich, viel zu echt! Wie kann es einer nur wagen, Bilder zu produzieren, die echte Hinweise geben, die Glauben zeigen – statt nur schwurbelig zu behaupten? Bilder, die genau so in den Uffizien hängen könnten, als seien sie aus dem Jahre 1539?

Diese Kritiker vergessen, dass der Katholizismus nur funktioniert, weil es genau solche Kunst immer gab. Dass es katholische Kirche nicht gäbe, wenn es nicht Bildgewalt gäbe. Wenn es die alle nicht gegeben hätte: Bronzino, Raffael, Pontormo. Was wäre Kirche dann?

Kahle Betonwand eben. Michael Triegel ist der, der heute, in unserer Zeit, gegen kahle Betonwände kämpft.Und er kopiert die alten Meister nicht einfach, er bricht auch mit Erwartungen. Nur auf den ersten Blick ist seine Kunst nicht modern. Doch orientiert er sich nicht an Damien Hirst, nicht an Ai Weiwei, nicht an Jeff Koons. Er orientiert sich an besagten Bronzinos, Raffaels, Pontormos. Das sind Triegels Referenzen. Er malt Christentum ohne Ironie und Spott. Er malte Josef und Maria, er malte das heilige Kind. Er malte Papst Benedikt für den Vatikan und Jesus den Barmherzigen für eine Kirche in Würzburg. So ist er zum Meister geworden. Ein Heide, der eine Lücke besetzte, weil kein geborener Christ sich fand, der den Mut aufbrachte, es zu tun.