"Da ist nicht eine Seite in Sternes Werk, auf der nicht etwas steht, was dort besser nicht stünde." Im Jahr 1851 bringt William Makepeace Thackeray, der mit seinem Roman Jahrmarkt der Eitelkeit gerade zu einer Art Epochenautor avanciert ist, ein Buch über Englische Humoristen des 18. Jahrhunderts heraus. Darin knöpft er sich Laurence Sterne vor, den Autor von zwei der meistgelesenen Bücher ebenjenes 18. Jahrhunderts: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman und A Sentimental Journey Through France and Italy. "Eine verdeckte Fäulnis" weht Thackeray an, ein "Hauch der Anwesenheit von etwas Schmutzigem". Es ist die fundamentale Abrechnung einer Epoche mit der ihr vorangegangenen, ein endgültiges Abstoßen der Victorians des 19. von den Freigeistern des 18. Jahrhunderts, die die Erkenntnisfortschritte der Aufklärung und eine sinnenoffene Empfindsamkeit zu neuen Formen der Welterkundung verschmolzen hatten – im Leben wie in der Literatur.

Da schließt sich der Kreis schon: Das Wort Empfindsamkeit verdankt die deutsche Sprache Laurence Sterne, respektive seinen Übersetzern. In der Not, den Neologismus sentimental im Titel von Sternes Sentimental Journey zu übertragen, wendet sich der deutsche Übersetzer Joachim Christoph Bode an Gotthold Ephraim Lessing. Der antwortet: "Bemerken Sie sodann, dass sentimental ein neues Wort ist. War es Sterne erlaubt, sich ein neues Wort zu bilden, so muss es eben darum auch seinem Übersetzer erlaubt sein. (...) Wagen Sie empfindsam! Wenn eine mühsame Reise eine Reise heißt, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame Reise eine Reise heißen, bei der viel Empfindung war."

Damit sind wir nicht nur mittendrin im Werk von Laurence Sterne, dessen 250. Todestag im März begangen wird, sondern auch in der Debatte um die Übersetzbarkeit einer Literatur, der es auf jeder Seite darum geht, Grenzen zu erkunden und zu sprengen: Grenzen des Gefühls, des Erzählens, des Geschmacks, der Sprache. In den neun zwischen 1759 und 1767 erschienenen Bänden seines Tristram Shandy, der den Autor über Nacht berühmt gemacht hatte, verfolgt Sterne sein Ziel, indem er seine Leser, die er gern direkt anspricht, unter die Hirnschale eines neuen Prototyps des Sentimentalen nötigt, jenes Tristram Shandy, dessen Leben vor allem aus seinen Meinungen besteht und aus Erkundungen des eigenen Ichs. Das ist so irr und wirr und wahr und witzig, dass man auch nach 250 Jahren kaum glauben mag, dass das da wirklich so steht: herrliche Sätze, Handlungsfetzen, Lebensweisheiten, Obszönitäten aller Art, Abgründe des Allgemeinmenschlichen neben Höhen der Philosophie zwischen Ausrufezeichen, punktierten Zeilen, gedruckten Fingerzeigen, Asterisken, Gedankenstrichen, Zeichnungen, weißen, schwarzen, marmorierten Seiten ... Oberstes Prinzip von Sternes Erzählen ist der abrupte Wechsel, der erzählerische Hinterhalt, mit dem er seine Leserinnen und Leser überrumpelt, sodass denen gar nichts übrig bleibt, als zu lachen – oder auch mal zu weinen. Sterne ist der einsame Meister der Digression, der beständigen Verweigerung dessen, was es eigentlich zu erzählen gegeben hätte, der Feier des ewigen Umwegs. Denn: Der Umweg ist das Ziel, das Lachen die Lösung, das Verlangen die Erkenntnis, das Gefühl die Wahrheit. Aber sag das mal einem Viktorianer ...

Nach neun Bänden Tristram Shandy macht Sterne eine Pause, um sich, es ist das Jahr 1767, einer anderen, wieder radikal neuen Erzählidee zu widmen, die die Wirrnisse seines Denkens und Fühlens domestiziert, indem sie ihnen eine Struktur unterschiebt: eine Bewegung in Zeit und Raum, die die weiterhin unvermittelt nebeneinander aufscheinenden Ideen und Ereignisse in eine Beziehung zueinander setzt. Er schickt seinen Helden auf eine Reise. Es ist eine alles bisher Dagewesene sprengende Reise, bei der es nicht um Krieg, Handel oder Mission, nicht einmal um Bildung oder Heilung geht, sondern darum, dass der Reisende reist und dass er dabei fühlt, was er fühlt, erlebt, was er erlebt, dass er denkt, was er denkt, und liebt, wen er liebt. Und dass er uns (oder auch nur sich) davon erzählt. Kurz: eine sentimentale Reise oder, wie sie seit Bodes Übersetzung heißt: Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, auf Englisch wie auf Deutsch erschienen 1768.

"Ich denke", heißt es da, und damit ist eines der tragenden Prinzipien empfindsamen Reisens formuliert, "es waltet ein Verhängnis dabei – ich gelange selten dahin, wohin ich eigentlich will." Hinzu kommt die Disposition zur amourösen Verwicklung – "bin ich doch mein ganzes Leben meistenteils in die eine oder andre Prinzessin verliebt gewesen und hoffe, es möge bis an mein seliges Ende auch so fortgehen, indem ich die feste Überzeugung hege, dass, sollte ich je etwas Unrechtes tun, dies einzig in der Zwischenzeit zwischen der einen Verliebung und der nächsten geschehen kann".

Deutsche Übersetzungen spielen für Sternes Nachruhm eine wichtige Rolle. In allen Sprachen wurde die Wortneuschöpfung "sentimental" beibehalten und in den jeweiligen Wortschatz übernommen. Nur der deutsche Übersetzer rang um eine Entsprechung in der Muttersprache. Das war konsequent. Denn nirgends hat Sterne die lesenden Generationen des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts derart beeinflusst und geprägt wie in den deutschen Ländern. Zu Sternes ausgewiesenen Bewunderern gehörten Lessing, Herder, Lichtenberg, Wieland, Jacobi, Goethe, aber auch Schopenhauer und Nietzsche, der Sterne den "freiesten Schriftsteller aller Zeiten" nannte. Nicht zu reden von Jean Paul, dessen Werk ohne die Prägung durch den Engländer nicht zu denken ist. Den Deutschen wurde Sterne, insbesondere der Sterne der Empfindsamen Reise, zu einem deutschen Autor wie vor ihm Shakespeare. Und damit sind wir wieder bei der so oft vernachlässigten Rolle der Übersetzer.

Für die enorme Bedeutung, die die Sentimental Journey für deutsche Leserinnen, Leser und Literaten hatte, steht einerseits eine Flut von Kopien, Imitationen und Abwandlungen, andererseits diese Reihe: 1768, 1768 (mit Neuauflagen 1797, 1780, um 1900, 1910, 1920, 1946, 1954, 1957, 1969, 1986, 1986, 2008), 1801, 1825, 1826, 1827, 1840, 1840, 1842, 1852, 1865, 1867, 1964, 1955, 1963, 2010, 2018. Es sind die Erscheinungsjahre neuer deutscher Übersetzungen der Empfindsamen Reise.