Beginnen Sie Ihre Viersen-Tour mit einer rostroten Frau. In luftiger Höhe erhebt sie sich vorm Kreishaus, kräftige Waden, lockiges Haar, sie winkelt den Arm an, reckt den Kopf. Die Viersener würden jetzt "ein typischer Georg Ettl" murmeln. Der Künstler, der gern Körper aus Eisen formte, ist der Stolz der Stadt. Für Sie ist die Frau auf dem Sockel zunächst ein Wegweiser, kaum zu übersehen, wenn Sie am Busbahnhof aussteigen.

Viersen ist eine Kreisstadt am Niederrhein mit von Kopfweiden gesäumten Auen und so nah an der Grenze zu den Niederlanden gelegen, dass wir als Schüler gern mal für eine Tüte Pommes mit Erdnuss-Sauce ins holländische Venlo gefahren sind. Ausgestattet mit Wald und Autobahnauffahrt, gehört Viersen zu den Städten, in denen es sich gut leben lässt. Besucher aber reagieren regelmäßig ratlos. Zugegeben, die Innenstadt wirkt nicht gerade betörend: in Wiederaufbau-Eile hingestellte Häuserriegel mit Drogerieketten und Kaufhäusern.

Doch schon hinter der roten Frau treffen Sie auf eine "Wirbelsäule" in Grauschwarz, die sich turmhoch zum Himmel windet. Ein paar Meter weiter schimmert Bronze im Gras, sie sieht aus wie eine riesige zerknüllte Zeitung. Initiiert vom Heimatverein, ist hier ein Skulpturenpark entstanden, mit Objekten aus aller Welt. Und selbst wenn es Sie schon beim Wort "moderne Kunst" schüttelt – lassen Sie sich kurz auf eine der Bänke sinken. Viele der Werke sind eingebettet in den lauschigen Rathauspark. Wind säuselt in uralten Eichen, Krokusse blinzeln aus dem Gras, Blätter wehen über Bronzeköpfe.

Werfen Sie auch einen Blick auf die weiße Gründerzeitvilla am Parkrand. Hier wohnte Josef Kaiser, der 1881 "Kaiser’s Kaffee" gründete, den Urladen der Supermarktkette mit der lachenden Kanne. Dann gehen Sie nach links in Richtung Rathaus, mit hochgeklapptem Mantelkragen. Auf dem Rathausmarkt ist es oft zugig. Ortsüblich ist außerdem ein leichter Nieselregen, der alles ungemütlich durchfeuchtet, "uselig" nennt man diese Wetterlage hier.

Laufen Sie also vorbei an der Bibliothek mit ihren türkisfarbenen Fenstern – der Beleg dafür, dass in Viersen nach 1945 auch mal Schönes gebaut wurde – hin zum Remigiusbrunnen, gewidmet dem Heiligen, der über Viersens älteste Pfarrkirche wacht. Der Bildhauer Gernot Rumpf hat hier die sieben Todsünden in Bronze gegossen, in Bronzetiere, um genau zu sein. Sie sind Viersens Kinderspaß: Der träge Seehund sieht zum Knuddeln aus mit seinem Speckbauch. Der eitle Pfau hat einen glänzenden Schweif, blank poliert von Abertausenden Kinderpopos, die ihn hinunterrutschten. Ja, dürfen die das denn?, fragen Sie. Im Rheinland schon. Hier ist man zwar katholisch, aber lässig und, wie Sie möglicherweise schon festgestellt haben, auch recht redselig. Versprochen, jeder wird Ihnen ausführlich den Weg erklären, wenn Sie danach fragen. Im alten Stadtbad, 1906 zur "Hebung der Volksgesundheit" in schönstem Jugendstil erbaut, begrüßt der Bademeister auch Gäste, die er noch nie gesehen hat: "Na, zum ersten Mal hier?" Beim Schwimmen macht man dann Sightseeing unter einer prächtigen Kuppelhalle: Kacheln in allen Farben des Wassers!

Jazz- oder Billardfans gehen ohne Sporteinlage direkt zur Festhalle (vom Busbahnhof mit dem 019er Bus). Hinter der klassizistischen Fassade des 1913, übrigens mit einer großen Spende vom Kaffeekaiser, errichteten Gebäudes wird regelmäßig die Billard-Weltmeisterschaft ausgetragen. Im Herbst findet hier außerdem ein internationales Jazzfestival statt.

Viel wichtiger noch ist den Viersenern ihre Narrenmühle im Stadtteil Dülken. Im Obergeschoss einer hutzeligen Windmühle tagt die "Narrenakademie", die seit 1554 über eitle Gelehrte und Würdenträger frotzelt. Talenten der Pointe verleiht sie den "Doctor humoris causa", selbst Goethe bedachte sie mit diesem Titel. Ehrenbürgerschaft auf Niederrheinisch.