Es ist ein eiskalter Vormittag im Dezember, als Matthias Landschof das Polizeikommissariat 27 in Stellingen betritt, einen Schuhkarton auf den Empfangstresen legt und sagt: "Das ist eine Bombe." Landschof ist Vermieter, ein Entrümpler hatte dieses Ding in einer seiner Wohnungen gefunden: ein Metallteil in der Form eines Baseballschlägers, 40 Zentimeter lang, am unteren Ende eine Art Propeller. Landschof wusste nicht, wohin damit, also fuhr er es mit seinem Sportwagen zur Polizei.

In der Wache starren die Beamten auf den Karton. Eine Bombe? Sie ordnen an, das Gebäude zu evakuieren. Eine Dreiviertelstunde später geben die Entschärfer Entwarnung: Die Gewehrgranate ist unscharf. In Landschofs Wohnung ist da schon der nächste seltsame Gegenstand gefunden worden, eine Panzerfaustgranate, auch ungefährlich.

Die Beamten kennen die Wohnung bereits, und sie kennen auch den ehemaligen Bewohner: Es ist der verstorbene Gebrauchtwagenhändler Lutz H., ein Waffennarr und Rechtsradikaler. Nach H.s Tod im Sommer des vergangenen Jahres hatte eine Nachlassverwalterin die Wohnung in Hohenfelde, keine zehn Gehminuten von der Außenalster entfernt, geöffnet und die Polizei gerufen.

© (Ausschnitte): Miguel Ferraz (August 2017)

An den Wänden hingen ein Dutzend Sturmgewehre und Schnellfeuerwaffen. Eine Kalaschnikow lagerte in den Räumen, eine abgesägte Schrotflinte, zwei Schießkugelschreiber und acht Pistolen, dazu knapp 5.000 Patronen. Die Regale quollen über vor Nazi-Propaganda und anderen volksverhetzenden Schriften, darunter Hitlers Mein Kampf. An den Wänden reihten sich Gemälde von Wehrmachtssoldaten an ein Porträt des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik und an Zeichnungen aufreizender Frauen in SS-Uniformen. Dazwischen lehnten Ölgemälde von Nazi-Größen wie Joseph Goebbels an der Wand. Die von der Nachlassverwalterin gerufene Polizei beschlagnahmte Dutzende Waffen, aber offenbar übersahen die Beamten bei ihrer Inspektion die ein oder andere Granate.

H. hatte keinen Waffenschein, der Besitz einiger seiner Waffen verstieß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Sein Fall wirft die Frage auf: Wie gefährlich war dieser Mann? Wollte er seine Waffen benutzen? Und hatten die Sicherheitsbehörden ihn im Blick?

Versucht man zu verstehen, wer Lutz H. war, führt die Suche in Hohenfelde zu ehemaligen Wegbegleitern, sie führt zu Arbeitskollegen, am Ende führt sie in seine Wohnung, zu H.s Notizbüchern, seinen Aufzeichnungen, die andeuten, dass H. offenbar tief in die rechtsextreme Szene eingetaucht war.

Lutz H. wird im Frühjahr 1946 in Pinneberg geboren, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er wächst ohne Vater auf. 1960, mit 14 Jahren, zieht er zu seiner Großmutter nach Hohenfelde. Als die Großmutter 1971 stirbt, übernimmt H. die 75 Quadratmeter große Wohnung im ersten Stock. Er baut sie nach seinen Bedürfnissen um. In der Abstellkammer installiert er ein Klo. Das Badezimmer wird zur Küche und die Küche zur Funkerkammer. Bis unter die Decke stapelt er dort Sende- und Empfangsgeräte.

Zwei Stockwerke tiefer, im Keller, einem ehemaligen Luftschutzbunker, richten die Hausbewohner in den achtziger Jahren einen Partyraum ein. Sie schrauben eine Holzvertäfelung an die Wände, hängen Girlanden an die Decke, zimmern eine Theke samt Zapfanlage. Sie feiern dort Geburtstage, Silvester- und Karnevalsfeste. Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man dauergewellte Haare, bierselige Gesichter und aufgeknöpfte Hemden. Lutz H., fülliges Gesicht und hohe Stirn, trägt ein graues Jackett und eine dicke Uhr.