Herbert Kickl ist in seinem Element. Er spricht über Asylstatistiken, Migranten, Abschiebungen nach Afghanistan und die Hürden, die ihm dabei von Caritas und den Oppositionsparteien in den Weg gelegt würden. Ein Auszug seiner greatest hits also. Es ist Dienstagvormittag, und eigentlich warten bei der Pressekonferenz alle nur auf ein Thema: Was ist los im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT)?

Erst nach einer halben Stunde kommt Kickl auf das weitaus brisanteste Thema zu sprechen: Er habe den Chef des BVT, Peter Gridling, an diesem Morgen wiederbestellt und zugleich vom Dienst suspendiert, sagt er. Eine Personalentscheidung, hinter der es brodelt – so sehr, dass es der Innenminister ein paar Sätze später gar für nötig erachtet, eine Staatskrise auszuschließen.

Zumindest aber steckt das BVT, einer der drei österreichischen Nachrichtendienste, in einer tiefen Krise. Kaum jemand durchblickt die Affäre, die Geschichte klingt wie der Plot einer schlechten Wiener Tatort-Episode. Es geht darin um nordkoreanische Reisepässe und um sensible Daten über den Rechtsextremismus, um politische Umfärbeaktionen in den Informationsdiensten und um Razzien mit politisch gefärbtem Anstrich, um Datenvergehen und um Veruntreuung. Bedenkliche Vorgänge, die einerseits dem Amt selbst seine Daseinsberechtigung nehmen könnten: Welcher Nachrichtendienst dieser Welt wird noch mit den Österreichern zusammenarbeiten wollen, wenn Informationen hier nicht sicher sind? Vorgänge aber auch, die kein gutes Licht auf das Verhältnis der Regierungspartei FPÖ zum Rechtsstaat werfen.

Begonnen hat es mit einer Razzia am 28. Februar am BVT-Sitz im dritten Wiener Bezirk und in den Privatwohnungen einiger seiner Bediensteten. Ihnen wirft die Korruptionsstaatsanwaltschaft zweierlei vor: Sie sollen Daten des Wiener Rechtsanwalts Gabriel Lansky rund um den Fall des kasachischen Ex-Botschafters Alijew, der in seiner Gefängniszelle ums Leben kam, nicht fristgerecht gelöscht haben. Zudem sollen BVT-Mitarbeiter laut einem anonymen Dossier unter anderem Gelder veruntreut haben, die für Informanten vorgesehen waren. Daneben geht es auch noch um nordkoreanische Reisepässe. 20.000 davon hat die Österreichische Staatsdruckerei 2016 gedruckt, die Muster sollen an Südkorea weitergegeben worden sein.

Politisch brisant sind die Hausdurchsuchungen, weil sie nicht wie in solchen Fällen üblich von der Polizei-Sondereinheit Cobra durchgeführt wurden. Stattdessen stürmten 80 schwer bewaffnete Polizisten der Einsatztruppe gegen Straßenkriminalität die Häuser. Leiter der sonst mit Drogenvergehen und Diebstahl beschäftigten Truppe ist ein FPÖ-Politiker – und sie nahm bei der Razzia auch Daten aus dem Referat für Extremismus mit, wie Journalisten von Standard und profil recherchierten. Das blaue Innenministerium sagt, weil die Referatsleiterin als Zeugin geführt werde.

Geheimdienstliche Informationen über rechtsextreme Umtriebe, über Burschenschaftler und Identitäre in den Händen der Freiheitlichen: Schiefer kann eine Optik kaum sein. Das wissen auch der Koalitionspartner ÖVP und ihr Justizminister, der in die ganzen Vorgänge offenbar gar nicht eingeweiht gewesen war.

"Was immer da passiert ist, es war unprofessionell, und der Kollateralschaden ist mit freiem Auge erkennbar", sagt Siegfried Beer, Historiker an der Universität Graz. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Direktor des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies mit Nachrichtendiensten. "Alle diese Dienste sind von Partnern in anderen Ländern abhängig. Was da jetzt vorgefallen ist, hat international ganz furchtbare Signale ausgesandt", sagt Beer. "Man weiß ja, dass sich Dienste anderer Staaten bereits seit dem Regierungsantritt der FPÖ zurückhalten, ihre Informationen mit den Österreichern zu teilen. Besser wird es nun durch diese Geschichte sicher nicht werden."

Die Razzia sollte kleingespielt werden – allerdings fiel das ziemlich ungeschickt aus

Um den Ruf der österreichischen Nachrichtendienste steht es tatsächlich nicht zum Besten. Schon im Jänner, nach einem Treffen zwischen Sebastian Kurz und Angela Merkel in Berlin, war darüber spekuliert worden, die internationale Zusammenarbeit mit Wien könnte erschwert sein – wegen der engen Kontakte der FPÖ nach Russland. "Es war ein gravierender Fehler, alle Ministerien, denen Nachrichtendienste unterstehen, der FPÖ zu geben", sagt Siegfried Beer.

Umso mehr war man in Österreich zunächst darum bemüht, die Razzia am BVT kleinzuspielen – und stellte sich dabei so ungeschickt an, dass die Skepsis nur noch größer wurde.

Während Vizekanzler Strache über einen "Staat im Staat" spekulierte, der sich abseits rechtsstaatlicher Strukturen im BVT gebildet habe, meldete sich der neu installierte, mächtige Generalsekretär des Innenministeriums per Presseaussendung zu Wort: "Fake news" seien die medialen Berichte rund um die Razzia, stand wenig zurückhaltend im Titel. Die an der Durchsuchung beteiligten Polizisten hätten die Staatsanwaltschaft "lediglich begleitet" und gar nicht gewusst, was beschlagnahmt wurde.