Ich verstehe den Osten nun besser

Werner Patzelt, 64, Politikwissenschaftler an der TU Dresden

Nein, der Osten wird mir nicht fremder. Mein Bild wurde einfach kompletter und komplexer. Seit 1991 lehre ich nun in Dresden. Zehn Jahre später sah es so aus, als ob wichtige Unterschiede zwischen Ost und West verschwänden. Doch Pegida und die AfD machten deutlich, wie vieles gerade im Osten noch brodelt. Die Erfahrungen der DDR, der Revolution und der Nachwendezeit – das alles steht auf der emotionalen Landkarte der Leute. Sie riefen "Wir sind das Volk", und sie meinten das ernst wie 1989. Für nicht ostkundige Ohren hört sich manches an wie Rassismus, doch es steckt viel mehr dahinter. Die Leute haben vor allem Angst, das zu verlieren, was Deutschland sich aufgebaut hat; immerhin haben sie schon einmal ein System an Überforderung scheitern sehen. Ich bewerte das nicht nach gut oder schlecht. Der Osten ist einfach anders und wird das bleiben. Das ist in einem bunten Deutschland auch nichts Schlimmes. Jedenfalls ist Sachsen heute für mich genauso Heimat wie Bayern.

Die Menschen fordern eben Respekt

Ilse Junkermann, 60, Landesbischöfin in Mitteldeutschland

Mein Bild vom Osten hat sich grundlegend verändert – aber nicht in den letzten zwei Jahren, sondern seit ich Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland bin. Vor acht Jahren bin ich von Stuttgart nach Magdeburg gezogen. Ich kam mit dem Eindruck, dass viele Ostdeutsche mehr jammern und weniger bereit zum Aufbruch sind. Heute habe ich verstanden, dass sie gar nicht jammern, sondern Respekt vor der eigenen Geschichte und Veränderungsleistung fordern – zu Recht. Was ich einst von außen als Klagen wahr genommen hatte, kann ich jetzt gut nachvollziehen: Die Menschen haben hier nach der Wende enorm viel, auch sich selbst, in Bewegung gesetzt, das wird aber nicht wahrgenommen. Mit dem Aufkommen der neuen rechten Bewegungen in der jüngeren Vergangenheit ist mir noch etwas anderes klar geworden: In der DDR gab es keine differenzierte Aufarbeitung der NS-Zeit, insbesondere des Rassismus und Antisemitismus. Ich hoffe, dass wir dazu noch viel streiten.

Der Westen darf sich mehr interessieren!

Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz

Ich bin gerne in Chemnitz. Seit 21 Jahren lebe ich in dieser Stadt, und mir gefällt es hier. Was mich stört, ist höchstens das noch immer mangelnde Interesse des Westens. Im Osten herrscht Neugierde an Kunstwerken aus ganz Deutschland, im Westen aber wird nach wie vor kaum Ost-Kunst gezeigt, auch nicht danach gefragt. Das hängt nicht zuletzt mit den ziemlich geschlossenen Netzwerken des westdeutschen Kunstmarkts zusammen. In der Kunst spiegelt sich ein gesellschaftliches Dilemma. Nach der Wende erwartete man im Osten einen Dialog, einen Austausch. Aber bis heute lässt die Neugierde des Westens auf den Osten zu wünschen übrig. Dabei soll man die Situation nicht unterschätzen. Hier im Osten herrscht eine große Aufbruchstimmung, gerade bei den Kreativen. Im Westen sind die Städte in ihrer Entwicklung häufig schon fertig – das kann lähmend wirken. Chemnitz und andere Oststädte hingegen sind aufgrund ihrer Entwicklung, der Umbrüche, der Veränderungen viel offener. Das finde ich ungeheuer anregend und spannend.

Mir wird meine zweite Heimat immer vertrauter

Tim Gerrits, 27, Liedermacher und Informatik-Doktorand in Magdeburg

Als ich vor acht Jahren aus Baden-Württemberg nach Magdeburg ging, wollten meine alten Freunde ständig wissen, wie es sich mit den Rechtsradikalen lebe. Das hat mich damals aufgeregt. Inzwischen werde ich immer seltener danach gefragt. Ich glaube: Weil Vorurteile in unserer Generation längst weniger eine Rolle spielen. Mir selbst wird der Osten immer vertrauter. Aber nicht wegen der politischen Entwicklungen, auch nicht trotz dieser Entwicklungen – sondern weil er jetzt mein Zuhause ist. Dieser Umstand prägt mein Ost-Bild, nicht die AfD. Warum die Partei hier so gut abschneidet, verstehe ich besser als meine westdeutschen Freunde. Im Herbst war ich Wahlhelfer. Natürlich war es frustrierend, als Zettel für Zettel an die AfD ging. Aber ich habe ja die Leute gesehen, die wählen waren: Das sind nicht alles Rassisten. Sie wählten Protest. Und worüber zu selten gesprochen wird, ist die andere Seite des Ostens: Hier ist ständig etwas im Umbruch, im Entstehen.

Ich weigere mich, jetzt zu fliehen

Ulrich Wolf, 53, Reporter der "Sächsischen Zeitung"

Ich schaue anders auf Sachsen als vor ein paar Jahren. Als Journalist, der viel über Pegida berichtet, wurde ich persönlich angegangen, auch bedroht. Vor zwei Jahren überlegten meine Frau und ich, aus Dresden wegzuziehen. Aber dort lebe ich, am Niederrhein geboren, seit 27 Jahren, mehr als die Hälfte meines Lebens. Dresden zu verlassen – das hätte wie eine Flucht ausgesehen. Also blieb ich. Zurzeit fühle ich mich sehr an die Phase gleich nach dem Mauerfall erinnert. Damals kam ich als Student aus Bayern, war voller Euphorie – die verflog schon, als ich 1989 bei Helmut Kohls Rede vor der Frauenkirche stand. Ich sah Menschen Kaiserreichfahnen schwenken. Ich glaube, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen ihnen damals und denen, die heute AfD wählen. Wir haben sie all die Jahre nur ausgeblendet.

Protokolle: August Modersohn und Valerie Schönian