Der russische Wähler ist ein wankelmütiges Wesen. Kaum jemand bezweifelt, dass Wladimir Putin am kommenden Sonntag ein weiteres Mal zum Präsidenten gewählt wird. Und doch herrscht im Kreml spürbare Nervosität. Dem russischen Wähler ist nicht zu trauen. Er neigt, das legen die Umfragen nahe, eher dazu, daheim zu bleiben, als zur Wahlurne zu trotten. Deshalb kreist diese Wahl nicht um Themen oder Personen, sondern um die Frage der Beteiligung.

Im Supermarkt erinnert die Milchpackung den Käufer an den Wahltermin. Er fällt nicht ganz zufällig auf den 18. März: den Jahrestag der Krim-Annexion. Das ist schön griffig, leicht zu merken und obendrein ein patriotischer Anlass. Bei McDonald’s gibt es für Vergessliche zum Hamburger den Hinweis: Geht wählen! Wer in Moskau landet, wird schon am Flughafen ermahnt, seine Pflicht zu tun. Selbst in der Sauna ist kein Entkommen, auch nicht im Einkaufszentrum, im Café oder im Club: überall Plakate, die an die Wahl erinnern. Der Bürgermeister erklärt den Moskauern, warum wählen wichtig sei und er selbst für Putin stimme. In den Regionen empfehlen Lehrer ihren jugendlichen Schülern, mit ihren Eltern in die Wahllokale zu gehen und sich gleich selbst registrieren zu lassen, fürs nächste Mal. Für das beste Wahl-Selfie winkt ein iPhone, unter Erstwählern werden Konzertfreikarten und Geschenke verlost. Werktags verteilen Gesandte der Wahlkommission an den Haustüren kleine Gedächtnisstützen: Blocks und Stifte mit dem 18.-März-Aufdruck. An jede russische Handynummer verschickt die Wahlkommission eine SMS, die besagt, dass man in diesem Jahr erstmals überall wählen dürfe, nicht nur dort, wo man gemeldet ist. Und am Wahltag feiert Moskau ein Festival mit Fressständen gleich neben den Wahllokalen. Erst wählen, dann stärken!

Warum nur legt Wladimir Putin so viel Wert auf die Wahlbeteiligung, wenn ihm der Sieg ohnehin gewiss ist?

Seit 18 Jahren hält er sich nun schon an der Macht. Er ist so sehr mit der Herrschaft verwachsen, dass er zum allgegenwärtigen Souvenir-Motiv, zur unheiligen Ikone geworden ist, die man an jedem Straßenstand kaufen kann. Jede seiner Amtszeiten war geprägt von politischen Projekten: Er führte Krieg in Tschetschenien, sicherte den Wohlstand einer neu entstandenen Mittelklasse. Er baute einen autoritären Machtapparat auf, schuf eine starke Armee, suchte die außenpolitische Konfrontation. Putin hat Russland an internationale Verhandlungstische zurückgebombt, wieder zur Großmacht gemacht. Aber wichtige innenpolitische und ökonomische Reformen hat er in all den Jahren verschleppt. Medien werden gegängelt, Fernsehsender staatlich kontrolliert, das Internet wird mit restriktiven Gesetzen eingeschränkt. Die Verstaatlichung nimmt zu, die Gerichte sind nicht unabhängig, Rechtssicherheit gibt es nicht. So steckt Russland nach 18 Jahren Putin fest zwischen internationaler Konfrontation nach außen und politischer Stagnation nach innen.

Wer das Volk nicht hinter sich weiß, kann nicht als starker Herrscher gelten. Darum ist die Wahlbeteiligung so wichtig. Um die in die Höhe zu treiben, wird eine große Inszenierung aufgeführt. Mit schillernden Gegnern in den Nebenrollen, die Vielfalt und Wettbewerb verkörpern. Es gibt nur eine Regel: Die Gegner dürfen nicht zu mächtig werden.

Die Figuren

Es treten also auf: im Zentrum ein Präsident, der eigentlich keinen Wahlkampf will. Und um ihn herum ein paar schillernde Nebendarsteller – einer verkörpert die alte politische Kontinuität, zwei die Erneuerung. Doch auch ein Störenfried spielt mit, der im Skript eigentlich nicht vorgesehen ist.

Das rechte Schreckgespenst

Eine Aula in der Neuen Russischen Universität in Moskau, auf der Bühne ein Sessel, eine Weltkarte und Wladimir Schirinowski. Er greift sich einen Rohrstock und fuchtelt damit auf der Karte herum: überall Bedrohungen, die Russland einkreisen. Er macht einen Schlenker zu Hitler, landet wieder im Heute, die Studenten klatschen.

Wladimir Schirinowski greift den Kreml leidenschaftlich an, und zwar immer von rechts außen. Wirft ihm Versagen vor, weil er die Ukraine nicht mit Russland "vereint" habe. "Warum war Nikolaus II. so ein schwacher Zar?", brüllt er. "Er hat seine Frau und seine Kinder geliebt und darum war er schwach!" Um Russland zu führen, brauche es Härte! Mut! Entschiedenheit!