"Es ist unglaublich, was die Leute heute alles per Post bestellen"

Nadine Hampel, 21, arbeitet bei der Post-Tochterfirma Delivery in Kassel:

Vor anderthalb Jahren habe ich mir bei der Arbeit das Steißbein gebrochen. Ich trug einen 30 Kilo schweren "Barbecue-Grill" eine Treppe hinauf und habe eine Stufe nicht richtig erwischt. Da bin ich hintenüber heruntergestürzt. Im Krankenhaus in der Röhre kam heraus, dass mein Steißbein schon vorher durch Überlastung geschädigt war. Seitdem bin ich vorsichtiger und trainiere mehr im Fitnessstudio. Das ist vor allem für Frauen in meinem Beruf wichtig. Viele Paketzustellerinnen gibt es ja nicht. In unserer Niederlassung sind von rund 130 Mitarbeitern nur fünf oder sechs Frauen.

"Ich mag meine Arbeit, mir macht sie Spaß!"
Nadine Hampel

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich mag meine Arbeit, mir macht sie Spaß! Und so ein Unfall ist natürlich eine Ausnahme. Seit drei Jahren arbeite ich als Zustellerin. Ich habe eine feste Tour, viele meiner Kunden kenne ich gut und bin mit ihnen per Du. Es ist unglaublich, was die Leute heute alles per Post bestellen: frische Milch und Obst, Pakete mit Katzenstreu, Autoreifen, Matratzen und Regale von Ikea. Manche schicken ihre schmutzige Wäsche an den Persil-Service und bekommen sie sauber zurückgeliefert. Zurzeit liefere ich fast 200 Pakete pro Tour aus.

Es gibt besonders nette Kunden, die kommen einem auf der Treppe entgegen. Und wenn man eine extrem schwere Lieferung für sie hat und freundlich fragt, sind die meisten bereit, mit anzupacken. Schlimmer ist es im Straßenverkehr. Weil ich manchmal kurz in zweiter Reihe halten muss, werde ich übel beschimpft, als "DHL-Schlampe", "Hure", "Fotze". Einer wollte mir mal die Seitenspiegel abtreten. Andere haben mich angezeigt, weil ich sie beleidigt haben soll. Das muss man aushalten und ganz entspannt bleiben.

Die Bezahlung ist einerseits nicht schlecht, dafür, dass man keine Ausbildung braucht. Ich bekomme 12,96 Euro die Stunde, das macht im Monat 2.080 Euro brutto. Andererseits ist die Belastung hoch. Und Zusteller, die direkt bei der Post AG angestellt sind, bekommen deutlich mehr. In den Nachrichten heißt es, künftig sollen die Zusteller aus der Post AG mit uns aus der Tochterfirma in einem Betrieb zusammenarbeiten. Das regt hier alle auf. Es sieht aus wie der Versuch, die Löhne zu drücken. Und zwei verschiedene Lohngruppen unter einem Dach – das findet auch keiner gerecht.