Sie sind elitär, sie zeigen, dass Bildung käuflich ist, sie spalten die Gesellschaft. Sagen die Gegner.

Sie sind innovativ, sie bringen ihre Schüler zu besseren Leistungen, sie fördern Vielfalt und Engagement. Glauben die Befürworter.

Das Thema Privatschulen bringt die Bildungsrepublik in Wallung. Zum Beispiel wenn die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ihren Sohn an einem privaten Gymnasium anmeldet. Oder wenn die katholische Kirche in Hamburg wegen Misswirtschaft ein Drittel ihrer Schulen schließt. Oder wenn mal wieder irgendwo eine neue Bezahlschule mit einem "International" im Namen öffnet. Dann steht zuverlässig die Frage im Raum: Schaden oder nützen Privatschulen unserem Bildungssystem?

Die Studie Privatschulen in Deutschland – Trends und Leistungsvergleiche gibt darauf nun eine überraschende Antwort. Die Analyse, die der ZEIT exklusiv vorliegt, wurde im Auftrag des Netzwerks Bildung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Bildungswissenschaftler tragen darin die wichtigsten bekannten Forschungsergebnisse zusammen. Zudem berechnen sie das Abschneiden der Privatschulen bei den letzten beiden "Bildungstrends", jenen nationalen Tests, mit denen die Kultusminister regelmäßig die Kompetenzen der Grundschüler und Neuntklässler messen lassen.

Dabei stießen die Forscher stets auf dasselbe Muster. Egal ob Klassengröße oder Ganztagsquote, ob Alter der Lehrer oder Zufriedenheit der Schüler: Die Unterschiede zwischen den staatlichen und den privaten Schulen in Deutschland erweisen sich als marginal oder nicht vorhanden. Weder geben Privatschulen mehr Geld pro Schüler aus, noch führen sie mehr Jugendliche zu einem Abschluss.

Bei der Leistung stechen die Privaten dagegen hervor – auf den ersten Blick. Ihre Grundschüler rechnen fixer, lesen flüssiger und machen weniger Rechtschreibfehler. In der Sekundarstufe sind sie in Deutsch und Englisch den Schülern öffentlicher Schulen bis zu einem halben Jahr voraus. Anders sieht es jedoch aus, wenn man den familiären Hintergrund mit einbezieht. "Dann schmilzt der Vorsprung der Privaten fast komplett zusammen", sagt Petra Stanat, Direktorin am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und eine der Studienautoren. Vereinzelt liegen sogar die staatlichen Schulen vorn. Die Herkunft macht’s also. Zwar bilden die meisten Privatschulen, anders als ihre Kritiker meinen, keine exklusiven Clubs. Vergleicht man nur die Gymnasien, findet man kaum Unterschiede in der sozialen Zusammensetzung ihrer Schülerschaft. Beide sind fast gleich selektiv. Über alle Schulformen hinweg jedoch unterscheiden sich die Privatschüler schon: Sie sind öfter weiblich, stammen häufiger aus gut situierten Familien und seltener aus dem migrantischen Milieu. An öffentlichen Grundschulen zum Beispiel haben 38 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, an den privaten sind es 28 Prozent.

Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund

Quelle: Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung © ZEIT-GRAFIK

Privatschulen machen also nicht den besseren Unterricht, sie bekommen nur die besseren Schüler. Aus diesem Vorteil schlagen sie aber weniger Gewinn als gedacht. "Angesichts der auserlesenen Schülerschaft könnte man erwarten, dass die Vorteile der Privatschulen größer sind", sagt Schulforscherin Stanat. Die IBQ-Direktorin bezieht sich auf das, was Schulforscher "Kompositionseffekte" nennen. Danach schlägt sowohl die Herkunft der Schüler auf die Leistung durch als auch die Zusammensetzung der Lerngruppe. So wie schlechte Schüler sich gegenseitig runterziehen, spornen gute sich an. Von diesem Effekt scheinen die Privatschulen kaum zu profitieren. "Überraschend" findet das Stanat.

Morgengebet und Eurythmie-Tanz gibt es noch nicht an den staatlichen Schulen

Auch bei Schülerwettbewerben schöpfen Privatschulen ihr Potenzial nicht aus. Bei der Deutschen Mathematik-Olympiade stammen 77 Bundessieger der letzten fünf Jahrgänge aus staatlichen Schulen und nur drei aus privaten. Der prestigeträchtige Wettbewerb "Jugend forscht" gibt an, dass "private Schulen eher nicht die typische Klientel" seien. Und zählt man die Sieger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, kommt man auf zwölf Prozent Privatschüler – exakt der Anteil privater Gymnasien.

"Wenn hohe Leistungen das Hauptziel von Eltern bei der Schulwahl sind, können sie sich das Geld für eine Privatschule sparen", sagt der Schulforscher Klaus Klemm, der ebenfalls an der Analyse beteiligt war. Nicht die Schulform entscheidet über Kompetenzen, Noten und Abschlüsse, sondern die konkrete Schule beziehungsweise die einzelnen Lehrer. Dass die Pädagogen an Privatschulen fähiger oder engagierter sind, dafür existieren aber keine Hinweise. Die im Schnitt höheren Löhne an staatlichen Einrichtungen und die lebenslange Arbeitsplatzsicherheit qua Verbeamtung legen eher das Gegenteil nahe.

Zwischenfazit: Ein guter Schüler lernt auf einer privaten Schule nicht mehr als auf einer staatlichen, und ein schlechter Schüler kommt dort nicht automatisch besser zurecht.

Das freilich war nicht immer der Fall. Ein Beispiel ist die Hochbegabtenförderung. Für den besonders schlauen Nachwuchs gab es im (west)deutschen Schulsystem lange Zeit keinen speziellen Platz. Hochbegabung galt als verdächtig, Unterforderung im Unterricht als Luxusproblem einer privilegierten Gruppe. Eltern mit besonders talentierten Kindern mussten ausweichen, etwa auf private Internate.