Am vergangenen Montag fand das Boulevardblatt Le Parisien auf seiner Titelseite wieder einmal die treffende Formulierung: "Die Strategie der Dampfwalze" lautete die Schlagzeile, gemeint war die Reformpolitik des Präsidenten Emmanuel Macron. Der überwältigt seit Monaten Freund und Feind durch die schiere Zahl seiner Reformvorhaben.

Der Wirbelsturm zu Paris ist das wahre Kontrastprogramm zur Windstille von Berlin: Macrons Regierung nimmt sich den Arbeitsmarkt vor und die Unternehmensverfassung, die Sozialversicherung und die Steuern, den öffentlichen Dienst und das Abitur, die Berufsausbildung und die Polizei, das Einwanderungs- und Asylrecht und die Eisenbahnen, die Justiz und die Gefängnisse, das Wahl-, Parlaments- und das Umweltrecht, die Diskriminierung der Frauen und die Renten, sie setzte ein Tempolimit durch und beendete ein jahrzehntelang umstrittenes Flughafenprojekt, will Staatsanteile an Unternehmen verkaufen und eine nationale Dienstpflicht einführen – haben wir etwas vergessen?

Bestimmt. Damit zumindest die Minister nichts vergessen und, mehr noch, nicht bloß die Regeln ändern, sondern auch deren Umsetzung garantieren, müssen sie regelmäßig zum Rapport im Élysée erscheinen oder im Hôtel Matignon, dem Sitz des Premierministers. Das ist ein Stil des Regierens, den die Franzosen zuletzt bei Charles de Gaulle (und vielleicht in der ersten Amtszeit Giscard d’Estaings) miterlebt haben. Zwar gab auch Nicolas Sarkozy, Macrons Vor-Vorgänger, den Hans Dampf in allen Gassen, doch wenn sich der Dampf verzogen hatte, sahen die Gassen aus wie zuvor. Danach kam François Hollande ins höchste Staatsamt. Niemand weiß so recht, was von dessen Amtszeit erinnerlich bleiben sollte. Vielleicht seine Witzchen im Kreis von Journalisten.

Die Franzosen haben gewusst, was auf sie zukommt, als sie Macron am 7. Mai 2017 wählten. Die meisten entschieden sich für ihn, um Marine Le Pen daran zu hindern, die Macht zu ergreifen, und nicht wegen seines Programms. Aber der Kandidat hatte keinen Hehl aus seinen Plänen gemacht, Frankreich zu liberalisieren "und zur gleichen Zeit" (seine gern bespöttelte Lieblingsformulierung) die Armutsrisiken zu verringern. Mit harter Hand für innere Sicherheit zu sorgen "und zur gleichen Zeit" massenhaft die besten Pädagogen in die sozialen Brennpunkte zu entsenden. Und dass jetzt endlich jemand regiert, der solchen Worten auch Taten folgen lässt, kommt erst recht gut an.

Darin dürfte eines der Motive des Macronschen Sofortismus liegen. Ein weiteres: Der Präsident glaubt daran, dass seine Reformen dem Land Zuversicht einflößen werden. Also will er sie schnell umsetzen, damit ihre Wirkungen noch vor der kommenden Präsidentschaftswahl im Jahr 2022 zu spüren sind.

Die Strategie des reformerischen Überfalls hat weitere Vorteile für Macrons Mannschaft. Erstens: Ist erst einmal alles in Gang gesetzt, kann anschließend und in Ruhe korrigiert oder ausbalanciert werden. Zweitens: Die Initiativen der Regierung folgen einander in einem Tempo, das die an langwierige Beratungen und Resolutionen gewöhnte Protestkultur des Landes überfordert, bisher jedenfalls. Außerdem neutralisieren sich einige der Widerstandspotenziale gegenseitig. Manches schmeckt den Gewerkschaften nicht, anderes nicht den Unternehmern, und beide amüsiert es nicht, dass ihnen die Posten und Pfründen genommen werden, die das dschungelartige System der Berufsausbildung bisher bot; ärgerlich gewiss, doch nicht so sehr, dass die altgedienten Kontrahenten es übers Herz brächten, einander die Hand zur gemeinsamen Front gegen den Reformpräsidenten zu reichen.