Ein Mönch war der Beste. 700 Lobbyisten sind beim Bundestag akkreditiert. Viele von ihnen haben versucht, Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen zu nehmen. Der erfolgreichste aber ist keiner der geschmeidigen Anzugträger aus Berlin-Mitte. Es ist ein Benediktiner aus Jerusalem, der für ein Kloster kämpft, auf seiner Mission keine Positionspapiere verschickt, keine parlamentarischen Abende organisiert und nicht mehrmals wöchentlich im Politikertreff Einstein frühstückt. Ist Pater Nikodemus Schnabel mal zu Besuch in der Hauptstadt, spaziert er selbstverständlich im Mönchsgewand der Benediktiner durchs Regierungsviertel. Und trotzdem hat er es geschafft, sein Kloster, die Dormitio-Abtei in Jerusalem, im Koalitionsvertrag unterzubringen. Auf Seite 155, zwischen Afghanistan-Strategie und Zukunft der Bundeswehr, findet sich der seltsamste Eintrag des Regierungsprogramms: "Wir wollen Mittel bereitstellen u. a. für die Ausstellung des Flugzeugs 'Landshut' im Gedenken an die Entführung im Jahr 1977 und für die dringend notwendige Sanierung der Abtei Dormitio in Jerusalem." Ein Satz, der in seiner Schlichtheit Millionen wert ist. Ein großes Geschenk, sagt Pater Nikodemus. Es klinge wohl noch immer etwas kurios, sagt einer der Verhandler, dass es die Zusage in den Vertrag geschafft habe.

Ein Regierungsprogramm regelt vor allem Grundsätzliches, die große Linie, hält Reformpläne der zukünftigen Koalition fest: Sollen die Steuern sinken? Steigt das Kindergeld? Der Militäretat? Doch das ist nicht alles: Die gestressten Unterhändler der Groko 2018 schrieben einen Koalitionsvertrag, in dem an vielen Stellen die Religion auftaucht. In einer Zeit, in der die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, steht das Wort "Kirche" so häufig wie selten in einem Regierungsprogramm. Wer waren die treibenden Kräfte? Und wie schaffte es am Ende einer langen Regierungsbildung, während der das Land mal staunend, mal genervt nach Berlin schaute, auch noch ein Kloster im Nahen Osten in den Vertrag?

Selbst diejenigen, die bei den Verhandlungen dabei waren, müssen etwas grübeln: Ja, irgendwann stand die Abtei auf Seite 155. Aber war das schon, als sich die Arbeitsgruppe Außen- und Verteidigungspolitik im Verteidigungsministerium traf? Oder erst ein paar Tage später, als die Einigung fast geschafft war? Auch nach Ende der Verhandlungen dauerte es noch einige Tage, bis selbst den Kirchenleuten und den Religionsexperten der Parteien, also jenen, die es wissen müssten, dieser leise Erfolg auffiel.

Dass es vor allem zwei Männer sind, denen der Kloster-Coup gelang, weiß kaum jemand: Es sind Pater Nikodemus Schnabel, der beste Lobbyist, der nie ein Büro in Berlin-Mitte besaß, und Sigmar Gabriel, der seinen Schreibtisch in Mitte gerade räumen musste.

Die Anfänge des Klostererfolgs liegen wohl in Jerusalem, 2013. Gabriel ist Protestant, als besonders religiöser Mensch ist er in der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt. Doch der Sozialdemokrat hat seit vielen Jahrzehnten ein Faible für Israel. Einer seiner israelischen Freunde hat einmal erzählt, das hänge vermutlich auch mit Gabriels Vater zusammen, der bis zu seinem Tod Nazi und Holocaust-Leugner war. Gabriel ist 2013 SPD-Chef, die Partei in der Opposition. Er hat noch Zeit und kommt mit seiner ältesten Tochter Saskia nach Jerusalem, erinnert sich Pater Nikodemus. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat den Pater gebeten, Gabriel durch die Altstadt zu führen.

Nikodemus, 39, ist ein eloquenter Benediktinermönch, der oft eine sportliche Sonnenbrille trägt. Er teilt so einiges aus seinem Leben auf Facebook. Während seiner Führungen erzählt er nicht nur von alten Steinen. Er kann die Energie Jerusalems in kluge, moderne Worte fassen. Seinen Glauben an den Dialog der Religionen und deren Verantwortung für den Frieden hat er erst kürzlich in einem Buch aufgeschrieben. Es ist ein Plädoyer gegen religiöse Extremisten. Er nennt sie "Hooligans der Religion". Nikodemus kann sehr schnell Nähe herstellen. Fernab von Berlin-Mitte reden der Oppositionspolitiker und der Mönch kaum über Politisches. Das Religiöse ist in Jerusalem so präsent, dass man schnell bei den großen Fragen ist.

Irgendwann stehen sie auch auf dem Zionsberg vor der Dormitio-Abtei. Das Grundstück hatte Kaiser Wilhelm II. während seiner Palästinareise 1898 von Sultan Abdülhamid II. übernommen. 1906 zogen die ersten Mönche auf den Berg. Die Patres hier haben viel erlebt. Zwischen 1939 und 1945 waren sie als Deutsche interniert. Im Sechstagekrieg 1967 gerieten sie mit ihrem Kloster zwischen die Fronten. Inzwischen leben sie auf der Grenze zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Von hier oben hat man einen spektakulären Blick auf die Stadt. Nikodemus führt häufiger Politiker durch die Abtei – bekannte und unbekannte. Viele genießen es. Vielleicht ist es einer dieser Orte in Jerusalem, an dem sich auch Atheisten und Weihnachtschristen der Faszination des Religiösen kaum entziehen können.

In der berühmten Abtei gingen in den letzten Jahren schon mal die Lichter aus: die Leitungen sind marode. Im Refektorium, dem Speisesaal der Mönche, zeichnen sich die Reste von Wasserschäden wie Fresken an der Decke ab. Deutsche Außenpolitiker und Diplomaten schätzen das Kloster. Die Benediktiner schließen sich nicht ein, sie öffnen die Türen für großartige deutsche Chöre, die in der Heiligen Stadt auftreten wollen. Immer wieder organisieren sie Treffen zwischen Muslimen, Juden und Christen. Ein Ort der Diskussionen, der Gespräche, nicht des Rechthabens – nur: Viel Geld nehmen die Mönche nicht ein. Es gibt eine Caféteria, viele Besucher hinterlassen Spenden, kaufen etwas im Klosterladen, aber eine über 100 Jahre alte Abtei samt Kirche, Krypta und Studienseminar lässt sich so nicht sanieren. Für eines der Aushängeschilder des deutschen Katholizismus fehlt das Geld, Leitungen richtig zu verlegen, manche wurden einfach durchs halb offene Fenster gehängt. "Vieles ist seit Jahrzehnten nicht mehr saniert worden", sagt Nikodemus. Gabriel steht damals 2013 vor dem nächsten Wahlkampf. Dass es die Dormitio einmal in ein Regierungsprogramm schaffen sollte, ahnt zumindest unter den Mönchen niemand. Der Sozialdemokrat und der Pater bleiben in Kontakt. "Per SMS und E-Mail", erzählt Nikodemus. "Die Dormitio-Abtei in Jerusalem ist ein Ort, der bei jedem Besuch aufs Neue beeindruckt, und ein herausragendes Symbol der Verständigung", sagt Sigmar Gabriel heute zu Christ&Welt. Sie bringe Menschen zusammen, die über die Grenzen von Glaubenszugehörigkeit und Konfession hinweg denken und handeln. "Ich erinnere mich an viele inspirierende Diskussionen mit Pater Nikodemus Schnabel", so Gabriel.