Es sind Ereignisse wie dieses, die in Deutschland künftig wohl noch häufiger vorkommen werden. Eine muslimische Mutter bringt ihren vierjährigen Sohn ins Krankenhaus, weil eine Blutung an dessen Penis nicht zu stoppen ist. Nach der Beschneidung des Jungen war die Wunde aufgebrochen, die Eltern wussten sich nicht zu helfen. Er musste schließlich operiert werden.

Vor fünf Jahren löste dieser Fall eine kurze und heftige Debatte über Beschneidungen aus. Denn das Landgericht Köln sah den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllt – schließlich, so die Richter, sei das Recht des Jungen auf körperliche Unversehrtheit höher einzustufen als das Recht der Eltern zur religiösen Erziehung. Beschneidung wäre demnach eine Straftat. Der Bundestag beschloss daraufhin ein Gesetz, das Beschneidungen zur Angelegenheit der elterlichen Sorge machte. Seit Dezember 2012 erlaubt es Paragraf 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches, "eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes" vornehmen zu lassen. Ist das Kind jünger als sechs Monate, muss die Beschneidung nicht von einem Arzt ausgeführt werden. Eine "von der Religionsgemeinschaft dazu vorgesehene Person", die "vergleichbar befähigt" ist, reicht aus, also etwa ein jüdischer Mohel. Eine Betäubung ist dann nicht nötig.

Jetzt ist die Debatte wieder da – wenn bisher auch nur außerhalb Deutschlands. Im Parlament von Island fordern derzeit mehrere Parteien, die Beschneidung von Jungen ebenso unter Strafe zu stellen wie die von Mädchen. Es sei unverständlich, warum die Rechtsordnung hier immer noch einen Unterschied mache. Auf einer Insel im Atlantik mit etwa 0,2 Prozent muslimischem und 0,1 Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil fällt die reine juristische Lehre freilich leicht.

In Deutschland ging es in der Beschneidungsdiskussion nie bloß um rechtliche Fragen. Er fühle sich, sagte in der Plenardebatte von 2012 der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier, "ausgesprochen unwohl mit der Vorstellung, dass ausgerechnet wir Deutschen unseren jüdischen Mitbürgern beibringen, was Inhalt von Lebensschutz und Kindeswohl ist. Und dasselbe gilt für Muslime."

Wer wollte dies mit Blick auf die Geschichte bestreiten? Doch wer "gerade in Deutschland" sagt, der muss den Blick auch nach vorne richten. Der Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung wächst. Deshalb ist es Zeit, neu darüber zu debattieren, wie die Prioritäten geordnet werden müssen, wenn religiöse Gebote mit weltlichen Werten kollidieren.

Die geltende Beschneidungserlaubnis folgt hier einer falschen Abwägung. Sie räumt religiösen Überzeugungen einen zu hohen Rang gegenüber staatlich garantierten Freiheiten ein. Denn wenn es das Erziehungsrecht erlaubt, einen hochsensiblen Teil des Körpers – sogar ohne fachgerechte Betäubung – abzuschneiden, mit welchem Recht will der Staat dann, um nur ein Beispiel zu nennen, muslimische Eltern zwingen, ihre Töchter am Sportunterricht teilnehmen zu lassen?

Die Grundrechte, die für Kinder genauso gelten wie für Erwachsene, schützen nicht nur die körperliche Unversehrtheit, sondern auch die negative Religionsfreiheit, sprich die Wahl, ob und welchem Glauben man folgen möchte. Natürlich dürfen, ja sollen Eltern ihre Kinder prägen, wozu auch religiöse Erziehung gehört. Aber warum sollte die das Recht einschließen, seine Kinder körperlich auf unwiderrufliche Weise zu markieren?

Dem gegenüber steht der Wert von identitätsstiftenden Riten. Im jüdischen wie im muslimischen Glauben gehört die Beschneidung zum Kern der Religionspraxis. Im Judentum symbolisiert die Vorhautentfernung den Bund mit Gott, der anders als viele weltliche Verbindungen nie endet und deswegen in den Körper eingraviert werden soll. Die feierliche Brit-Mila-Zeremonie findet in der Regel am achten Lebenstag des Säuglings statt. Im Koran wird die Beschneidung zwar nicht vorgeschrieben, aber in den Hadithen, also den Überlieferungen des Propheten Mohammed, wird erwähnt, dass dieser beschnitten worden sei, weswegen die Beschneidung auch unter Muslimen als religiöse Pflicht gilt. Jungen werden teils als Säuglinge, teils erst kurz vor der Pubertät beschnitten. In einigen Regionen Afrikas, vor allem entlang des Nils und in Mali, werden seit vorislamischen Zeiten auch Mädchen beschnitten. In einem Hadith wird die Mädchenbeschneidung tolerierend erwähnt.

Sind Jungen weniger schützenswert?

Aber was können diese religiösen Gebote im Einzelfall bedeuten? Murat M., 23 Jahre alt, der in Deutschland geboren wurde und lebt, berichtet:

"Ich war etwa sieben Jahre alt. Ich wurde in der Türkei in einem Wohnzimmer beschnitten. Der Beschneider hatte einen Massagetisch mitgebracht, den er in der Mitte des Zimmers aufbaute. Der Raum war voller alter Männer. Dann sollten wir uns vor all den Leuten nackt ausziehen. Mein Bruder war zuerst dran. Als es losging, schrie er und strampelte. Die Männer um ihn pressten ihn auf den Tisch. Ich hatte eine so große Angst, dass ich wie gelähmt war."

Orhan S., 33 Jahre, der ebenfalls in Deutschland wohnt, erzählt: "Ich fühle mich von meiner Herkunftskultur genauso verraten wie von der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Anstatt dass sich jemand schützend vor mich gestellt hätte, kam ein deutsches Zeitungsteam zu meiner 'Feier', zwecks Erstellung eines heiteren Artikels über fremde Kulturen. Ich hingegen leide bis heute jeden Tag an dem, was man mir angetan hat."

Diese und andere Schilderungen hat der Verein Mogis gesammelt, ein Zusammenschluss von Betroffenen sexualisierter Gewalt, der auch gegen nicht selbstbestimmte Beschneidung lobbyiert – oder gegen, wie der Vorsitzende Victor Schiering es nennt, "Vorhautamputation". Dem heute 44-jährigen Musiker sei im Alter von sechs Jahren die Vorhaut entfernt worden, berichtet er, wegen einer Verengung, die, wie er glaubt, auch schonend hätte behandelt werden können. Bis heute, so Schiering, habe er das Gefühl, ihm fehle etwas. Schließlich sei die Vorhaut nicht irgendein Stück Haut, sondern der "erogenste Teil" des männlichen Körpers.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), der sich 2012 "strikt" gegen das Beschneidungsgesetz aussprach, geht davon aus, dass die Vorhaut zum Erleben sexueller Empfindungen eine wichtige Rolle spielt, weil sie sehr viele Tastkörperchen enthält. Anatomisch dient sie außerdem dazu, die Eichel feucht und sensibel zu halten. Bei ihm selbst, so Schiering, sie die Eichel "verhornt" und desensibilisiert. "Mir konnte man bis vor Kurzem mit den Fingernägeln in die Eichel kneifen, ohne dass ich Schmerz verspürte", sagt Schiering. Er versucht mittlerweile, durch Dehnung der Resthaut Empfindsamkeit zurückzuerlangen. In den USA, wo die männliche Beschneidung im Säuglingsalter als angebliche Gesundheitsmaßnahme weit verbreitet ist, ist dazu ein Gerät erhältlich, ein Art Zugkapsel, genannt tugger (Rucker). Sein Erfinder gibt an, jeden Tag etwa zwölf dieser Geräte zu verkaufen; der Absatz nehme jedes Jahr um zehn Prozent zu.

Viele Beschnittene lächeln nur müde, wenn man ihnen die Behauptung vorträgt, sie hätten ein weniger aufregendes Sexleben als Unbeschnittene. Manche vermuten eher das Gegenteil.

Aber erstens hat keine Seite einen Vergleich, und zweitens kommt es darauf gar nicht an. Denn die aktuelle deutsche Regelung leidet unter einem prinzipiellen Widerspruch: Jungen wird die Selbstbestimmung über die Integrität ihrer Genitalien mit Verweis auf die Religion abgesprochen, während bei Mädchen der Gesetzgeber niemals auf die Idee käme, Beschneidungen unter Hinweis auf Glauben oder Tradition zu legitimieren. Sicher, weibliche Genitalverstümmelungen lassen sich in den allermeisten Fällen in ihrer Schwere nicht mit Vorhautentfernungen gleichsetzen. Aber grundsätzlich, sind Jungen da weniger schützenswert? In einer Umfrage des BVKJ von 2012 gaben 458 deutsche Kinderarztpraxen an, innerhalb von zwei Jahren 2569 Fälle von Komplikationen nach Beschneidungen behandelt zu haben, darunter 628 "systemische Infektionen"; in 249 Fällen sei eine erneute Beschneidung erforderlich gewesen.

Ein besseres Gesetz

Wie rechtlich heikel die bestehende Regelung ist, zeigt auch ein aktuelles Urteil des Oberlandesgerichts Hamm. Ein muslimischer Vater hatte gegen den Willen der Mutter den gemeinsamen Sohn beschneiden lassen. Fehlt es, wie in diesem Fall, an der Einwilligung der Eltern, so das OLG, müssen Gerichte nicht nur eine Körperverletzung prüfen, sondern auch, "in welchem Ausmaß das geschädigte Kind bei der – regelmäßig mit Schmerzen verbundenen – Operation psychischen oder physischen Belastungen ausgesetzt" ist. Bei der Strafzumessung seien auch die "nachhaltigen Tatfolgen" zu berücksichtigen, an denen das Kind später im Leben möglicherweise zu tragen habe.

Ob jemandem also eine schwere Körperverletzung angetan worden sein kann oder gar nichts, hängt – in ein und demselben Fall – vom Willen Dritter, der Eltern, ab.

Jüdische und muslimische Eltern kontern, ihre eigene Religionsfreiheit sei betroffen, wenn sie ihre Söhne nicht beschneiden lassen könnten. Kein Vater könne, schrieb der Washington Post-Leitartikler Charles Lane auf das Kölner Urteil 2012 hin, ein "Jude mit gutem Ruf sein, wenn er seinen Sohn nicht am achten Tag beschneiden lässt". Was aber geeignet ist, einen guten Ruf zu begründen, darüber gibt es auch unter Juden unterschiedliche Auffassungen. Einige reformistische Juden, gerade in den USA, wollen ihre Kinder nicht mehr beschneiden lassen. "Es ist 2017. Zeit, über Beschneidung zu reden", schrieb die israelische Tageszeitung Ha’aretz im vergangenen August.

Zudem: Was passiert eigentlich, wenn sich ein Fall wie der in Köln mit einem beschnittenen Mädchen wiederholt, das blutend ins Krankenhaus gebracht wird? Würden dessen Eltern wegen Körperverletzung angeklagt, könnten sie auf den Paragrafen 1631d zeigen und fragen, wie der bitte mit der Gleichberechtigung nach Artikel 3 Grundgesetz vereinbar sei. Die Idee ist leider nicht abwegig. Im US-Bundesstaat Michigan stehen derzeit mehrere Muslime vor Gericht, die mindestens acht Mädchen an den Schamlippen beschnitten haben sollen. Ihre Verteidigerin sagt, sie verstehe die Aufregung nicht. In anatomischer Hinsicht seien die Eingriffe doch viel kleinere Verletzungen gewesen als die gängige männliche Beschneidung.

Wie also könnte ein besseres Gesetz aussehen? Eine isländische Radikallösung, das Verbot, würde nicht nur den Religionsfrieden stören, sondern manche Eltern vermutlich zu Pfuschern führen – am Ende stünde womöglich mehr Leid. Traditionswechsel lassen sich nicht durch Verbote verordnen. Besser wäre es, bei Eltern zunächst für ein schärferes Bewusstsein über mögliche Folgen von Beschneidungen zu sorgen.

Eine Beratungspflicht in den Paragrafen 1631d einzubauen wäre ein guter erster Schritt. Außerdem sollten Beschneidungen vorerst nur noch in einem Alter zulässig sein, in dem die Wahrscheinlichkeit von Traumatisierungen gering ist – etwa bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres. Wer sich später, wenn er zustimmungsfähig ist, mit oder ohne Betäubung beschneiden lassen möchte, soll dies natürlich dürfen. Vor den Gesetzen der Logik muss sich religiöse Praxis nicht rechtfertigen. Vor dem Grundgesetz schon.

In der nächsten Ausgabe der ZEIT antwortet Mohamed Amjahid auf diesen Text und widerspricht.