Das Café Maître in der Leipziger Südvorstadt – schon klar, da ist er wieder, der vorurteilsbeladene, so oft aber einfach produktive und Freude machende Blick des Besuchers, der mit dem ICE aus Berlin kommt –, es hat wirklich viel Leipzig-typische Atmosphäre: bisschen Öko, bisschen Plüsch, bisschen Zwanziger-Jahre-Kaffeehaus, bisschen Studentencafé, bisschen gut konserviertes DDR-Dissidententum und Leipziger Nachwende-Kunstproduktion (große Ölbilder, Kurzgeschichten). Es gibt die obligatorischen Eier im Glas, die Bedienungen wirken sehr jung und intelligent und tragen weinrote Dr.-Martens-Halbschuhe. Sandra Hüller musste gerade die interessante, eventuell sich aber nur als interessant und bedeutungsschwer aufblasende Frage beantworten, wer da eigentlich auf der Bühne stehe, wenn sie bei einem Theaterabend für Wolfgang Herrndorfs postum veröffentlichtes Fragment Bilder deiner großen Liebe in der Rolle der Romanfigur Isa einen Song der britischen Punkrock-Sängerin PJ Harvey darbiete: Singt dann sie, oder singt da die überaus virtuose, mit allen Wassern gewaschene Schauspieler-Königin Sandra Hüller?

Schon nach fünf Minuten war klar gewesen: Die Schauspielerin würde während der etwa einstündigen Interviewzeit die Szene "Sandra Hüller steht in einem Leipziger Café für ein überschaubar langes Interview zur Verfügung" nicht verlassen, sie würde also immer wohlbedachte, aber nie ganz überraschende Sätze sagen – ist ja auch wunderbar. Mit dem Gesichtsausdruck, den Sandra-Hüller-Porträtisten in zahlreichen Texten beschrieben haben und in dem eine gute Mischung aus Ironie, höflicher Distanz und Verweigerung steht, antwortet sie: "Ganz einfach: Da singt die Isa, und ich habe mich zur Verfügung gestellt." Es gehe ihr selbstverständlich immer um die Rolle: "Ich selber aus mir heraus würde mich ja langweilen mit mir als Sängerin auf der Bühne."

Wir sprechen hier also über ein Hörbuch. In diesen Tagen erscheint mit Sandra Hüller singt und spricht "Bilder deiner großen Liebe" die Vertonung von Wolfgang Herrndorfs letztem, postum veröffentlichtem Roman. Die CD ist die Hörfassung eines Theaterabends, mit dem Hüller gemeinsam mit dem Bühnenautor Tom Schneider und den beiden Musikern Sandro Tajouri und Moritz Bossmann auf kurze Tournee ging (Dresden, Berlin, Hannover, Prag). Die Premiere fand vor zwei Jahren vor kleinem Publikum auf einer Studiobühne im Zürcher Theater am Neumarkt statt.

Schaut man in das CD-Booklet hinein, sieht man eine große Schauspielerin, die ganz offensichtlich die Intimität der kleinen Bühne sucht (man ist sofort versucht, in den Bühnenklischees "Star geht auf Tuchfühlung mit kleinem Publikum" zu denken, "Filmstar möchte seinen gelernten Beruf mal wieder ausüben" oder "Filmstar möchte sein Publikum wieder fühlen", Entschuldigung, aber so bescheuert ist man halt als ganz normal routinierter Pop-trifft-Hochkultur-Konsument). Auf den Booklet-Fotos ist außerdem viel schöner Rock-’n’-Roll-Kitsch zu sehen (rotes Licht, Kabelsalat, Gitarren, Boxen, Barhocker, der Schauspielstar in weißem T-Shirt und mit schwarzen Fingernägeln).

Dem Theaterabend und dem Hörbuch zugrunde liegt die Bühnenfassung des von Herrndorf zur Bearbeitung seiner Romanstoffe autorisierten Dramaturgen Robert Koall (der schrieb auch die enorm erfolgreiche, oft gespielte Bühnenfassung des Herrndorf-Romans Tschick). Von Koalls Fassung wiederum nahm der Autor Tom Schneider gemeinsam mit der Sprecherin Hüller und den beiden Musikern eine so gekonnte wie beherzte und persönliche Kürzung und Textauswahl vor.

Das Hörbuch ist dann auch etwas ganz anderes als lediglich das Vorlesen des Wolfgang-Herrndorf-Texts geworden, die CD atmet die Aura eines Hörspiels, eines Musikalbums oder eben einfach eines vertonten Bühnenabends. In dieser Aufnahme ist jedes nur erdenkliche Zusammenspiel von Stimme, Sound, Beat, Geräusch, Musik und Stille zu hören, manchmal setzt der Beat im Text ein, manchmal übertönen Gitarren die lesende Stimme. Die Tracks tragen Titel wie This is Love (PJ Harvey), Last Breath und Dr. Gelberbloom. Es gibt Störgeräusche, sekundenlang läuft nur der Atem der Sängerin und Vorleserin Sandra Hüller. Durch Kürzungen, Text-Umstellen (der Anfang des Romans steht ganz am Ende der CD), durch Im-Text-Springen und Text-Zusammenziehen entsteht ein neuer Text, der abstrakter wirkt als das Original.

Zum Ende heraus ist die Lesestimme von Sandra Hüller dann über zwei Nummern hinweg ganz ohne Untermalung und Störung, gewissermaßen als der pure Stoff zu hören, was dem Hörer guttut: Die Könnerschaft der Vorleserin Sandra Hüller, sie liegt natürlich vor allem darin, dass sie ihre Virtuosität auf intelligente Art portionieren, zurücknehmen und im Bann halten kann.

Hüller, Schauspieler-Königin mit dem blonden, irgendwie nach New Wave und nach 1981 aussehenden Kurzhaarschnitt (lustig, zu diesem Gesicht würde passen, dass sie Zigaretten raucht, obwohl das Rauchen hier, in diesem Café, natürlich nicht stattfinden kann). Viele halten sie ja ganz einfach für die beste deutsche Schauspielerin – was natürlich und vor allem an ihrer umwerfenden Performance als Unternehmensberaterin Ines Conradi in Maren Ades mit Preisen überschüttetem Arthouse-Film Toni Erdmann (2016) liegt.