Es ist ganz einfach, dachte ich etwa fünf Wochen vorher und stand am offenen Fenster, ich will ein Mann sein. Es war Nacht. Schräg gegenüber saß jemand in einem rot erleuchteten Fenster und hustete in regelmäßigen Abständen. Sein Husten klang krank. Es klang, als würde sich sein Körper für ihn beschweren. Ich konnte den Körper sehen. Er saß dick und unförmig auf einem Stuhl vor einem Rechner. Manchmal fuhr er sich durch das schwarze Haar. Wie eine hingegossene Masse lag er auf dem Stuhl und bebte, wenn er hustete. Dann war es wieder still. Das Licht aus dem Fenster warf den Schatten des mageren Baums an die Hauswand, was aussah, als würde eine böse Hand nach ihr greifen. Vielleicht würde sie sich das Haus und seinen Inhalt bald einfach nehmen und von dieser Erde schmeißen, dachte ich. Ich schloss das Fenster und drückte meine Stirn gegen das Glas. Ich will ein Mann sein, dachte ich, aber ich will nicht aussehen wie einer, das nicht (und vor allem nicht wie der Mann schräg gegenüber, nein, hier ging es um die Möglichkeiten eines gesunden, gut ausgebildeten Mannes, dessen schwarze Haare, sofern er überhaupt welche hatte, von seinem kulturellen und ökonomischen Kapital neutralisiert werden würden). Ich wollte nicht aussehen wie der Mann, der ich sein wollte. Aber die Möglichkeit, aufzustehen, mich nicht zuständig zu fühlen und weiterzugehen, diese Möglichkeit wollte ich besitzen, für immer.

Die Menschen aus dem Haus, das wir bewohnten, lebten ein Leben mit wenigen Möglichkeiten, und seit Kurzem sah ich ihnen dabei zu. Wenn es abends dunkel wurde, stand ich in meinem Zimmer, ohne das Licht anzumachen. Nachts stand ich dort auch, denn ich konnte nicht mehr schlafen. Ich konnte in die erleuchteten Fenster des Hinterhauses sehen. Unser Haus war ein Haus, in dem nachts Lichter brannten. Das rot erleuchtete Fenster des hustenden Mannes war jede Nacht rot, ein anderes Fenster leuchtete grell und kalt, darin sah ich einen Stuhl, einen Tisch und eine Menge Geschirr darauf, aber nie einen Menschen, und dann gab es noch zwei Fenster, hinter denen ebenfalls immer Licht brannte, das aber von zwei bunten Decken geschluckt wurde, die als Sichtschutz provisorisch aufgehängt worden waren. Tagsüber bemerkte man die Menschen aus unserem Haus nicht, sie waren erst nachts zu sehen, wenn sie das Licht anmachten und ihre Stimmen in fremden Sprachen durch den Hof hallten. Denn es wohnten dort Menschen, die nicht früh aufstehen mussten, oder solche, deren Verwandte weit entfernt lebten und die sie wegen der Zeitverschiebung, schlechter Internetverbindungen oder irgendwelcher günstigen Tarife am besten nachts erreichten. Wenn ich dort am Fenster stand, sah mich keiner. Aber ich sah die anderen.

Ich stand dort und hatte das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Wie gestrichen. Arbeitslos und behindert. Das klingt schlimm und wird schlimmer, ich kann es kaum aufschreiben, also warte ich damit noch ein bisschen.

Ich übertrat die Grenze nicht mehr, hinter der das Geld und die Freiheit lagen. Rationalität, Nützlichkeit, Wettbewerb. Ich legte nicht mehr meinen täglichen Weg zur Arbeit (acht Kilometer) zurück. Ich übertrat somit nicht mehr jene Grenze, hinter der sich all das befindet, was Menschen brauchen, die, traurig und gestresst, versuchen, glückliche Menschen zu werden. Hinter der Grenze waren: Marni-Kleider, Spargelsalat mit Garnelen, Meditationsangebote, eine Übereinkunft darüber, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zwar noch nicht komplett erreicht, aber unbedingt erstrebenswert ist, ebenso wie die Aufnahme und Integration von Geflüchteten und die Ablehnung rechtsnationaler Gedanken (Pegida, AfD), es gab dort gute Friseure, gute Feinkostläden, gute Kleidergeschäfte, und alle wussten, was distinguierte von gewöhnlichen Produkten (oder Menschen) unterscheidet, weswegen ich mich dort immer gerne aufhielt. Es war so sauber und interessant, der Welt von dort aus dabei zuzusehen, wie sie sich täglich zerlegte.

Zurück zum Schlimmen, das noch schlimmer wird, sobald ich es aufgeschrieben habe – denn eigentlich erwartete ich, als ich dort am Fenster stand und dachte, ich sei arbeitslos und behindert, einfach nur ein Kind. Und dabei war nicht das Kind das Schlimme, sondern das Gefühl, arbeitslos und behindert zu sein. Am allerschlimmsten aber war es, diesen Satz zu denken, und noch schlimmer ist es, ihn aufzuschreiben. Denn ein Kind, so dachte ich oft am Fenster stehend, ein Kind ist doch das Schönste, Beste, was man machen kann. Damit hört vielleicht auch diese verfluchte Gottlosigkeit auf. Man wird dann vollständiger, gerade als Frau. Ohne ein Kind fehlt einer Frau etwas. Ich dachte diese Sätze in unterschiedlicher Reihenfolge, ich wusste, dass es Klischees waren, denen ich da hinterherdachte, und sie ließen mich trotzdem nicht in Ruhe.

Wir lebten vor der Grenze, am Rand, von wo aus ich immer ins Zentrum gefahren war. Der Rand war: Müll auf der Straße, Discount-Supermärkte, Wettbüros, Dönerläden, Kürbiskernschalen auf dem Boden, Pfandhäuser, KiK, Shisha-Bars, Wohnungsauflösungsunternehmen, Läden, die für einige Monate da waren und dann wieder verschwanden. Ich hatte davon nicht besonders viel mitbekommen, denn ich war entweder nicht zu Hause oder in unserer Wohnung, die im vierten Stock lag. Morgens achtzig Stufen runter durchs Treppenhaus, über dunkelbraunen Linoleumboden, der so alt war, dass er Risse hatte, vorbei an grauen geschlossenen Wohnungstüren, aus denen niemals jemand kam. Es war, als lebte keiner in diesem Haus, man begegnete nur Spuren von Leben. Schrott, der auf dem Hof abgestellt wurde, Wurfsendungen, die auf den Boden geschmissen worden waren, der Geruch von vergammelndem Essen aus den Mülltonnen. Und es gab diese Tür, die an manchen Tagen nur angelehnt war. Der Spalt, der entstand, war so schmal, dass er dem Vorbeigehenden zuhauchte, dass diese Tür nur für sehr kurze Zeit offen sein würde und vor allem nicht für ihn, den Vorbeigehenden. Ich hielt dann trotzdem kurz inne und sah auf die angelehnte Tür. Ich lauerte und war mir sicher, dass auf der anderen Seite auch gelauert wurde. Ich war mir sicher, dass sich die Tür gerade eben noch bewegt hatte.