Die großen Geschichten der Antike können (oder müssen vielleicht sogar) immer wieder neu erzählt werden. Nach den Cicero- und Augustus-Biografien der letzten Jahre, die noch einmal vom Untergang der Römischen Republik und von der Entstehung des Kaisertums handelten, führt der amerikanische Althistoriker James Romm nun in die fortgeschrittene, für ihre Exzesse und Scheußlichkeiten bekannte Kaiserzeit, genauer gesagt: an den Hof von Nero, den der römische Historiker Tacitus kurzerhand als verrückt bezeichnete, der aber vielleicht nur ein durchgeknallter Teenager war, den sein berühmter Lehrer Seneca nicht mehr kontrollieren konnte.

Das Drama des Philosophen, der sich einbildete, die Macht einhegen zu können, die ihn in Wahrheit nur korrumpierte und zugrunde richtete, ist das eigentliche Thema von Romms Doppelbiografie Seneca und der Tyrann. Schon die Zeitgenossen sahen, dass die Besitztümer, die Seneca unter Nero anhäufen konnte – Tacitus nannte ihn praedives ("stinkreich") –, die Glaubwürdigkeit seiner stoizistischen Philosophie ruinierten, die Verzicht und materielle Entsagung predigte. Es wurde auch bald undenkbar, dass Seneca nicht die Mordkomplotte kannte, mit denen sich Nero des Stiefbruders Britannicus, seiner Mutter Agrippina, seiner Frau Octavia und schließlich seines gesamten angestammten Umfeldes entledigte.

Der Philosoph verharrte an der Seite eines Monsters, das seinen Ruf zerstörte und ihn für alle Zeiten zum Inbegriff der Mesalliance von Geist und Macht werden ließ. Warum floh er nicht? Weil die Entfernung aus dem Machtbezirk ihn ebenfalls zum Tode verurteilt hätte. So sahen es jedenfalls die römischen Historiker, die das Drama schilderten (Tacitus, Cassius Dio, Sueton), und so sieht es auch James Romm.

Was überhaupt kann eine moderne Darstellung über die antiken Autoren hinaus bieten? In der Sache fast nichts. Das ist das andere Drama – das Drama der Althistoriker, die selten Primärquellen haben und gerade in entscheidenden Fragen lediglich die antiken Historiker kritisch nacherzählen können, die leider ihrerseits die entscheidenden Fragen schon kritisch aufgeworfen haben. Man kann sie nur gegeneinander abwägen, in diesem Fall den eher Seneca verstehenden Cassius Dio gegen den eher sarkastischen Tacitus.

Das allerdings macht Romm fabelhaft, er erzählt in höchstem Maße anschaulich, zum Ende fast pathetisch, jedenfalls ergreifend. Denn die Ahnung, Nero nicht verlassen zu können, bestand zu Recht. Schon als Seneca nur mit dem Gedanken des Rückzugs spielt (dafür wollte er dem Kaiser sein Vermögen schenken, sich gewissermaßen freikaufen), fällt er in Ungnade, und als er in Verdacht gerät, Mitwisser der Pisonischen Verschwörung gegen Nero gewesen sein zu können, ist das Vorwand genug, ihn zum Suizid zu zwingen.

Wie Seneca, der sein halbes Leben lang von der Selbsttötung philosophiert und wohl auch geträumt hat, schließlich befohlenermaßen Hand an sich legt, wie er dabei sein und des Kaisers Verhängnis in Worte fasst, wie auch die wirklichen Verschwörer nach und nach gefasst und hingerichtet werden und dabei ihren Trotz in eisige Bonmots kleiden – das ist, wie man so sagt, ganz großes Kino. Es erinnert nicht zufällig – und gespenstisch! – an die Verschwörer vom 20. Juli vor Hitlers Volksgerichtshof.

Der glückliche Amerikaner hat diese Assoziation nicht, aber Romm schildert die Szene kurz vor Neros eigenem Untergang so plastisch, dass es den deutschen Leser nicht anders als grausen kann. Dieses Kino – diese Vergegenwärtigungskunst – haben freilich auch schon die antiken Autoren beherrscht, und so bleibt nur die Empfehlung, neben diesem Buch unbedingt auch die Annalen des Tacitus noch einmal zu lesen, nur so zum Test, wer hier wen toppen kann. Und natürlich gehört ein Blick in die Schriften Senecas dazu, dieses größten Meisters des souveränen und sarkastisch verknappten Bonmots, um zu erkennen, warum der stilistische Glanz des Philosophen den Ruin seines moralischen Rufes überlebt hat.

James Romm: Seneca und der Tyrann 
Die Kunst des Mordens an Neros Hof; C. H. Beck Verlag, München 2018; 320 S., 24,95 €, alsE-Book 19,99 €