Nein, der Deutsche als solcher taugt entgegen anderslautenden Gerüchten, die Heinrich Mann einst in die Welt setzte, nicht bloß zum Untertan. Vielmehr, so diagnostizierte es der Satiriker Wolfgang Ebert, ist er zumindest dort zum Herrscher geboren, wo er auf dem Fahrersitz seines Autos thront, um den Asphalt zu unterwerfen.

Spätestens allerdings seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das Diesel-Fahrverbote kürzlich für zulässig erklärte, fürchtet der deutsche Autofahrer, in seinem Herrschaftsgebiet kurz vor der Entmachtung zu stehen. So beklagt der ADAC eine "Enteignung der Autofahrer". Die Bild-Zeitung fordert die Bevölkerung in einem Manifest auf, bedingungslos stolz auf den Diesel zu sein, anstatt ihn abzuwracken. Und die AfD zieht gegen den "Autohass" ins Feld, der das Land zerstöre. Doch vermag dieses verzweifelte Aufbäumen – man wird ja wohl noch fahren dürfen – vermutlich nichts daran zu ändern, dass Autofahrern langfristig das gleiche Schicksal blüht wie Raucherkneipen, Eisbären oder sozialdemokratischen Parteien.

Kein Wunder also, dass viele Autofahrer ins Exil flüchten – in Simulationsspiele am heimischen Rechner, die seit einiger Zeit boomen. Während des letzten Weihnachtsgeschäfts, bekanntlich die umsatzstärksten Monate des Jahres, rangierten unter den zehn meistverkauften Computerspielen glatt sechs Simulatoren. Beinahe jedem Beruf, den Grundschüler im Freunde-Buch unter "Was ich mal werden will" kritzeln, ist mittlerweile ein eigenes Spiel gewidmet. Und fast alle dieser Simulatoren eint neben falschen Komposita-Leerzeichen im Namen, dass man in ihnen noch ungestört das Gaspedal durchdrücken und ohne schlechtes Gewissen so viel CO₂ durch den Auspuff jagen darf, wie es einem gefällt.

So gibt es den Truck Simulator, den Gleisbau Simulator oder den Autobahnpolizei Simulator. Beim Fernbus-Simulator manövriert man als Fahrer klobige Pixel-Passagiere über 20.000 Kilometer originalgetreu nachgebauter deutscher Autobahn (Maßstab 1 : 10), wenn man nicht gerade quälend lange im Stau steht, was Fans des Spiels im Internet ironiefrei als "besonders realistisches Feature" feiern.

Videos, in denen sich YouTuber dabei filmen, wie sie im Fernbus-Simulator die Temperatur im Bus regulieren oder die Tickets der Passagiere kontrollieren, werden nicht selten Dutzende Millionen Male angesehen. Und natürlich ist diese Faszination des Publikums nachvollziehbar: Anders als im echten Fernbus belästigt einen der Sitznachbar nicht mit den Gerüchen seines Salamibrots, auch bleibt einem die Thrombosegefahr durch fehlende Beinfreiheit erspart und die verstopfte Toilette im Gang. Vorteile, die für viele Spieler anscheinend aufwiegen, dass der echte Fernbus einen wenigstens von A nach B bringt, während man im Simulator lediglich stundenlang auf Knöpfe drückt, auf den Bildschirm starrt und am Ende doch wieder nur zu Hause geblieben ist.

Die Simulatoren bieten zudem auf angenehme Weise eine Zuflucht vor jener Außenwelt, die mit scheinbar unbegrenzten Wahlmöglichkeiten und unendlichen Weiten manchen Zeitgenossen überfordern mag. Entfernt sich der Spieler etwa im Autobahnpolizei Simulator zu weit vom Fahrbahnabschnitt, auf dem er per Knopfdruck die Fahrzeugpapiere vorbeibrausender Kleinwagen kontrollieren soll und natürlich auch die Führerscheine der Fahrer, versperren blinkende Stoppschilder dem Spieler den Weg. Kein komplexer Plot fordert ihn heraus, er bekommt klar aufgetragen, was er zu tun hat und welche Knöpfe er drücken muss, um das Spielziel zu erreichen. Leistung und Ertrag werden so planbar, ohne dass wie im echten Leben Unwägbarkeiten auftreten, die schmerzhaft zeigen, dass der Mensch nicht immer Subjekt seines Handelns ist, sondern manchmal nur kleines Rädchen, das auch nicht weiß, wie ihm geschieht.

Theodor Adorno geißelte ja die sogenannte Freizeit, Jahrzehnte bevor sie durch ins Wochenende hineindrängende Arbeits-E-Mails infrage gestellt wurde, als Etikettenschwindel. Keineswegs sei sie disponible Zeit zur freien Verwendung. Stattdessen setze sie als bloßes Anhängsel der Arbeit jene nur schattenhaft fort. Umfragen unter Simulationsspielern bestätigen nun diese Theorie, denn wer sitzt Abend für Abend an der Konsole? Keineswegs nur Leute mit Schreibtischjobs, die sich in ihrer Freizeit womöglich einen Kindheitstraum erfüllen und auch mal in einer Baukrankabine sitzen wollen. Sondern oft auch jene, die dem simulierten Beruf auch im echten Leben nachgehen.

Je schneller sich traditionelle Lebens- und Arbeitswelten auflösen und je weniger darüber diskutiert wird, was danach kommen könnte, desto stärker klammert man sich in vorauseilender Nostalgie an das, was wegzubrechen droht. Man könnte anlässlich der Tatsache, dass es für viele schweißtreibende Tätigkeiten keine Menschen mehr braucht, darüber nachdenken, wie sich die verbliebene Arbeit, die Maschinen noch nicht übernehmen können, gleichmäßig auf viele Schultern verteilen ließe. Doch ein Leben, das sich nicht um die Arbeit dreht, scheint kaum mehr vorstellbar – wohl nichts zeigt das trauriger als der Lagerist, der tagsüber acht Stunden lang Paletten und Kisten auf die Zinken der Hebebühne wuchtet, um nach Feierabend Gabelstapler-Simulator zu spielen.