Eine vorapokalyptische Stimmung liegt über Porto Alegre in Brasilien, ein schwüler Sommer, die Busfahrer streiken, es ist das Jahr 2014, und ein Schriftsteller wurde erschossen. Duke hieß er, ein Genie. Über ihn und noch mehr über sich erzählen in Daniel Galeras Roman fortan drei Figuren: die Biologiestudentin Aurora, der Journalist Emiliano und der Werber Antero. Sie erinnern sich zurück, wie alle zusammen mit einem avantgardistischen Online-Magazin kurz berühmt wurden, damals, am Anfang des neuen Jahrtausends. Als sie "Speerspitze einer neuen Generation" waren, wie es im Roman heißt, "die sich das Internet (...) zunutze machen würde, um mehr zu sein, als Punker-Papasöhnchen, suburbane Grunge-Kids (...) oder Nerds mit vollgewichster Jogginghose".

Inzwischen sind sie vom Digitalkapitalismus ausgespuckte Menschen, mit ausgeträumten Träumen und ihren eigenen existenziellen Verlorenheiten. Man sieht ihnen bei trauriger Masturbation zu, ihren trostlos gewordenen Beziehungen, bei One-Night-Stands und anschließenden Abtreibungen. Das Internet hat der Welt offenbar alle Geheimnisse genommen, das letzte Rätsel, das den dreien geblieben ist, ist ihr toter Freund, wer er war und wie er und sie nur so geworden sind.

Daniel Galera, geboren 1979, ist mittlerweile einer der prominentesten Schriftsteller Brasiliens. Sein letzter Roman Flut über die Begebenheiten in einem brasilianischen Fischerdorf brachte ihm in Deutschland viel Lob für seine Härte ein und für die mythologischen und theologischen Anspielungen.

Nun ist So enden wir leider sehr schlecht, in einer Weise, die einen auch auf etwas mehr als 200 Seiten zunehmend wütend machen kann, was vor allem daran liegt, dass Galera auf jeder dritten Seite abgestandene Gegenwartsdiagnosen unterbringt, ein wenig aufgehübschten Nihilismus und seine Figuren kulturkritisch vor sich hin grübeln lässt. Sie pflegen dabei eine Sprache, die sich zuweilen nicht entscheiden kann, ob sie sich ins Proseminar klügeln, in die Niederungen der Illustrierten herabsteigen will ("Ihr Hals ist zum Anbeißen.", "Was für ein Tag für meinen Penis.") oder wo auch immer solche Verblasenheiten hingehören: "Hin und wieder meldete sich meine abgesaugte Gebärmutter und jaulte mich an wie ein Hund nach einer OP, mitten im Zimmer mit einem Schutzkragen um den Hals."

Seine Figuren selbst sind dabei nicht viel mehr als fahrige Skizzen, die Galera mit ungefährem Weltschmerz mästet, ein paar Zitaten von de Sade und einer vagen Vorahnung auf den Weltuntergang, der von der Schwüle in Porto Alegre kommen mag oder vom Internet oder vom Klimawandel, den die Biologin Aurora mit einer "grünen Revolution" fürderhin aufhalten will.

Auch Dukes Genie, das der Roman so umraunt, bleibt nicht mehr als eine Behauptung. Man erfährt von entlegenen und gar nicht so entlegenen Büchern, die er wohl gelesen habe, während einen das klamme Restgefühl beschäftigt, doch etwas übersehen zu haben zwischen den alleroberflächlichsten Gegenwartsthesen, die hier laufend verbreitet werden. "Irgendwo donnerte es", heißt es an einer Stelle. Und möglicherweise lässt sich die ärgerliche Unentschiedenheit dieses Buchs gar nicht besser zusammenfassen.

Daniel Galera: So enden wir
Roman; a. d. brasilianischen Portugiesisch v. Nicolai von Schweder- Schreiner; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 231 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €