DIE ZEIT: Frau Krautzberger, Sie und Ihr Umweltbundesamt, das UBA, haben in den vergangenen Tagen mit einer Studie für Furore gesorgt. In der wird Stickstoffdioxid, das unter anderem aus dem Auspuff von Dieselfahrzeugen kommt, für den Tod von 6.000 Menschen verantwortlich gemacht. Freuen Sie sich, dass alle darüber berichten?

Maria Krautzberger: Natürlich freue ich mich, dass die Studie so große Aufmerksamkeit bekommt, und zwar weltweit. Traurig macht mich aber, dass Staat und Autoindustrie das dahinterliegende Problem immer noch nicht gelöst haben: Die Studie dokumentiert schließlich, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen durch Stickstoffdioxide krank werden oder sterben.

ZEIT: Gibt es da nicht noch ein anderes Problem, und zwar mit der Zahl 6.000? Ist die glaubwürdig?

Krautzberger: Ich finde es anstrengend, dass wir heute wieder eine Diskussion darüber führen, ob Stickoxide der Gesundheit schaden. Sie tun es – und es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass nicht wir, sondern die Weltgesundheitsorganisation WHO die Schädlichkeit dieser Stoffe festgestellt hat. Schon damals haben epidemiologische Studien klar gezeigt: Zu viel davon in der Atemluft macht Menschen krank und verkürzt sogar deren Leben...

ZEIT: ...weshalb ein EU-weiter Grenzwert gilt...

Krautzberger: ...auf den sich damals alle einigen konnten. In der Wissenschaft diskutiert man heute sogar, ob die Grenzwerte nicht noch viel weiter gesenkt werden müssten, weil schon kleine Mengen des Stoffes schädlich sein können. In der deutschen Debatte klingt es jetzt aber bei manchen so, als ob das alles neu wäre, als ob das UBA ein Problem erfindet. Dabei benennen wir es nur.

ZEIT: Ihre Kritiker sagen aber, Sie dramatisierten es. Weil Sie 6.000 Tote direkt auf eine Ursache zurückführen. Niemand kennt doch einen Herrn Müller, der am Diesel gestorben ist...

Krautzberger: Wir haben nie behauptet, dass Herr Müller oder Frau Meier am Diesel gestorben ist. Und natürlich stirbt niemand sofort, wenn er täglich mehrere Stunden lang zu viele Stickoxide einatmet, genauso wenig wie jemand sofort stirbt, wenn er jeden Tag eine Schachtel Zigaretten raucht. Wir benennen aber Risiken, dadurch zu erkranken. Das tun Studien zur Krankheitslast durch das Rauchen übrigens auch, ohne dass das einen Aufschrei der Empörung auslöst. Unsere Studie hat statistisch berechnet, dass 2014 rund 6.000 Menschen vorzeitig an Herz-Kreislauf-Krankheiten starben, die auf eine Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen sind. Diese Zahl ergibt sich durch eine Methode, die die WHO eingeführt hat, um Gesundheitsrisiken messen und vergleichen zu können. Sie wird in vielen Ländern verwendet, und sie dient der Vergleichbarkeit von Daten.

ZEIT: Sie sprechen jetzt von "Risiko" und "Vergleichbarkeit". In den Schlagzeilen wurde daraus: "6.000 Dieseltote". Was bedeutet das für Sie?

Krautzberger: Wir diskutieren im Amt immer wieder, wie man über komplizierte Daten sprechen kann, die wir erheben. Wann müssen wir vereinfachen, damit wir verstanden werden? Regierungen brauchen solche Zahlen und ihre Vergleichbarkeit, um die Summe der Gesundheitsrisiken für die Menschen zu kennen und zu wissen, wo sie etwas tun müssen. Unsere Aufgabe ist es, auch Laien eine Risikoeinschätzung zu ermöglichen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die Heftigkeit, mit der Sie nun für Ihre Stickstoffdioxid-Studie kritisiert wurden?

Krautzberger: Da gibt es viele, die keine Fahrverbote wollen. Und wer keine Fahrverbote will, behauptet ganz einfach, unsere Zahlen seien falsch oder ideologisch. Aber das hält uns sicher nicht davon ab, auf dieses Problem hinzuweisen.