Islamforscherin Susanne Schröter über muslimische Verbände an deutschen Unis

DIE ZEIT: An der Humboldt-Universität in Berlin entsteht derzeit ein Institut für Islamische Theologie. Über einen Beirat mit eingebunden ist auch Ditib, der größte Islamverband in Deutschland. Noch vor einem Jahr galt Ditib als fragwürdiger Partner: Seine Imame standen im Verdacht, für die türkische Regierung zu spitzeln. Hat sich Ditib gewandelt?

Susanne Schröter: Nein. Bei Ditib hat sich nichts geändert. Der Verband ist immer noch ausführendes Organ Ankaras. Aus der Satzung lässt sich ablesen, wer das Sagen hat: der türkische Staat, über die Religionsbehörde Diyanet mit Sitz in Ankara. Das war seit der Gründung 1984 so. Nur fällt es heute stärker auf. Früher galt der türkische Staatsislam als moderat, aber er hat sich bedenklich entwickelt.

ZEIT: Kürzlich gab es doch Vorstandswahlen bei Ditib. Hat sich da nichts bewegt?

Schröter: Gewählt haben vor allem türkische Staatsbeamte, die extra eingeflogen wurden. Der neue Vorstand ist ebenso wenig unabhängig wie der alte Vorstand. Darunter sind drei Beamte aus der Türkei. Auch in vielen Gemeinden ist kein Sinneswandel erkennbar. Vor wenigen Wochen wurde in einigen Moscheen für den Sieg der türkischen Armee gebetet, ihr Vormarsch gegen die Kurden als Heiliger Krieg bezeichnet. Man muss sich fragen, ob Ditib noch eine religiöse Organisation ist oder eher eine politische. Ich verstehe nicht, wie man mit diesen Funktionären unverändert weiterverhandeln kann. So hat ein aus Ankara gesteuerter Verband Einfluss auf die Berufung von Professoren an einer deutschen Universität.

ZEIT: Nun ist ja nicht nur Ditib für den Beirat vorgesehen, sondern auch die anderen muslimischen Dachverbände. Allesamt sind sie extrem konservativ. Die liberale Muslimin Seyran Ateş hat sich kürzlich in einem offenen Brief an den Senat darüber beschwert, dass reformbereite Muslime in dem Beirat nicht vertreten sind. Warum ist das denn so?

Schröter: Über diese Beiräte sollen die Muslime in die Theologie an den Universitäten eingebunden werden, ähnlich wie das bei den Kirchen der Fall ist. Politik und Universität orientieren sich bei der Suche nach einem Ansprechpartner an der Größe einer Gruppe. Das Dilemma der Liberalen ist: Sie sind kaum organisiert und haben geringe Mitgliederzahlen. Die Politik begeht deshalb seit vielen Jahren den Fehler, die konservativen Dachverbände als "die" Vertreter "der" Muslime in Deutschland zu sehen. Das sind sie aber nicht. Sie vertreten – höchstens – ein Drittel. Die große Mehrheit der Muslime ist nicht organisiert. Dieser Blick durch die Kirchenbrille führt in die Irre.

ZEIT: Fürchten die konservativen Verbände eine Akademisierung des Islams?

Schröter: Ja. Sie versuchen, diese Form der Theologie an den deutschen Universitäten auszubremsen. Das geht so weit, dass sie sagen, sie würden niemanden in ihrer Gemeinde als Imam einstellen, der von einer deutschen Hochschule kommt. Selbst wenn er eine zusätzliche Praxis-Fortbildung hätte, entsprechend einem Priesterseminar.

ZEIT: Am Islamzentrum der Uni Münster kam es deshalb vor vier Jahren zum Eklat ...

Schröter: ... dort wollten die konservativen Verbände, darunter Ditib, den Leiter des Instituts, Professor Mouhanad Khorchide, aus dem Amt treiben. Weil er für einen liberalen Islam streitet, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Gott sei Dank hielt die Uni zu Khorchide. Die Verbandsfunktionäre sind Machtpolitiker, die wollen ihre Leute durchsetzen.

ZEIT: Wie lässt sich so ein Vorgang in Berlin vermeiden?

Schröter: Man muss die Verbände nicht ausschließen. Aber sie dürfen das Gremium auf keinen Fall dominieren. Deshalb muss dieser Beirat erweitert werden, es braucht liberale Muslime an Bord. Und mehr Einzelpersonen, Experten, Wissenschaftler; die ersten Weichen dafür wurden in der Zwischenzeit gestellt. Eine Evaluierung des Beirats ist vorgesehen: Sollte sich herausstellen, dass ein Verband versucht, bestimmte Professoren durch ein Veto zu verhindern, kann er ausgeschlossen und der Beirat neu besetzt werden.