Als Stefanie Höfler acht oder neun Jahre alt war, liebte sie es, ihre Eltern zu belügen. "Ich hatte eine Riesenlust, Scheiße zu erzählen", sagt sie und lacht. Die Eltern amüsierte das wenig, und auch die Tochter musste schon damals zugeben, dass sie eigentlich keinen Grund hatte, die Eltern anzuschwindeln. Die waren ziemlich nett, und traurig machen wollte sie Mama und Papa ja gar nicht. Aber das Geschichten-Erfinden war einfach zu schön! Deshalb log sie von da an fremden Leuten etwas vor.

Heute ist Stefanie Höfler 39 Jahre alt, hat selbst zwei Kinder und schwindelt noch immer gern. Als sie an einem Morgen im Februar eine Gruppe 13- bis 15-Jährige anspornt, auch mal wildfremden Leuten im Bus eine Lügengeschichte aufzutischen, hat sie endgültig die Aufmerksamkeit der Schüler.

Rund 50 Jungen und Mädchen haben sich in einen Klassenraum der Thomas-Morus-Oberschule in Osnabrück gequetscht. Vorn sitzt diese Frau in Jeans und bunt gemustertem Sweatshirt, die sie mit den Worten "Ich bin Stefanie Höfler. Ich schreibe Bücher für Leute wie euch" begrüßt hat. Als ein Schüler später fragt, wie sie eigentlich zum Schreiben gekommen ist, antwortet die Autorin mit einer Gegenfrage: "Wer von euch hat schon mal seine Eltern angelogen?" Alle Arme gehen in die Luft.

Die Bücher, die Höfler heute schreibt, erzählen von "Leuten", die noch Kind und zugleich schon jugendlich sind. Die irgendwo dazwischenstecken und selbst noch nicht wissen, wer oder was sie eigentlich sind oder sein wollen. Die Erwachsene in den Wahnsinn treiben und maulfaul durch die Welt tollpatschen. Genau diesen "Leuten" begegnet Höfler bei ihren Lesungen – und sie liebt es: "Denen spritzt das Leben aus jeder Pore. Ich find das gigantisch gut, mit so viel Lebendigkeit konfrontiert zu sein!"

Die Lebendigkeit hat sich im Osnabrücker Klassenraum allerdings ziemlich gut versteckt. Spritzig wirkt allein die Autorin, wie sie breitbeinig und in unterschiedlichen Stimmlagen liest. "Ich bin zappelig!", hat sie anfangs gesagt. Ein Teil der Schüler sitzt im Stuhlkreis um sie herum und schaut sich das Spektakel aus der Nähe an, der Rest hockt dahinter auf Tischen. Es gibt viele vor der Brust verschränkte Arme, einige wippende Beine, ab und an hört man ein leises Wispern oder Kichern.

Es ist keine leichte Geschichte, aus der Höfler vorliest. Ihr Roman Tanz der Tiefseequalle erzählt, wie Niko, der gehänselte dicke Außenseiter, und die schöne, beliebte Sera sich anfreunden. Bisher hatten die beiden nichts miteinander zu tun. Ähnlich sind sie sich höchstens in dem Wunsch, nicht auffallen zu wollen – was beiden nicht gelingt: Dafür ist Niko zu fett und Sera zu hübsch. Doch auf einer Klassenfahrt hilft ausgerechnet Niko der schönen Mitschülerin, als die vom coolen Marco begrapscht wird. So stehen Niko und Sera plötzlich da und sind gezwungen, sich mit dem anderen und sich selbst auseinanderzusetzen.

"Was glaubt ihr, wie Niko sich vor der Klassenfahrt gefühlt hat?" – "Findet ihr, Sera müsste sich für seine Hilfe bedanken?" Immer wieder unterbricht Höfler ihre Lesung und stellt solche Fragen – und treibt die Schüler damit an, über das Gehörte nachzudenken. Zaghaft heben einige die Hand wie im Unterricht. Was die Schüler anfangs nicht wissen: Die Frau da vorne kennt sich in Klassenzimmern und mit "Leuten" wie ihnen ziemlich gut aus. Das Bücherschreiben betreibt sie nebenbei, die meiste Zeit unterrichtet Höfler Deutsch und Englisch am Gymnasium. "Ich hoffe, in meinen Büchern steckt möglichst wenig von der Lehrerin, ich hasse erhobene Zeigefinger", sagt sie. Sie sagt aber auch: "Es geht mir darum, dass Jugendliche ins Gespräch kommen. Und das ist vermutlich doch sehr lehrermäßig."