So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt: Ockergelb leuchtet das Haus in der Sonne, keine Spur von Grau, vom pittoresken Charme des Verfalls. Strahlend saniert, bis das melancholische Auge schmerzt: Das gilt für so viele Straßenzüge in Deutschlands Osten, auch für die Ecke Alfred-Kästner-/Lößniger Straße. Thorsten Palzhoff steht verdutzt vor dem Ockergelb, denn vor ein paar Jahren, als er mit seiner Leica herkam und durch Leipzig pirschte, um ein geeignetes Objekt für seinen Roman zu finden, sah es hier angemessen heruntergekommen aus. Immerhin prangen noch der Schriftzug "Eigner Herd", die Jahreszahl 1934 und das antikische Paar mit Amphore an der Fassade, von der im Buch die Rede ist. "Die Einschusslöcher vom Krieg sind nicht mehr da", stellt Palzhoff nüchtern fest. Dieses Haus also soll im Frühjahr 1990 das romantische Refugium von Nica und Felix gewesen sein? Vergänglich ist eben auch die Vergänglichkeit. Gegenüber wenigstens, hinter Zäunen und Ziegelbaracken, stürzt immer noch "die Leere des östlichen Horizonts auf uns ein", wie es im Roman heißt. Wir stolpern über dieses "Brachland von ungeheurem Ausmaß", in der Ferne die Plattenbauten "willkürlich verstreut wie Grabsteine auf einem alten Friedhof", jetzt allerdings ebenfalls wie neu herüberglänzend.

© Ralf Mitsch für ZEIT LITERATUR

Es ist ein seltsamer Spaziergang, für den der Schriftsteller Thorsten Palzhoff mit dem Journalisten nach Leipzig gefahren ist. Denn es wird eine Spurensuche nach einem Roman, der sich diesen Ort ebenfalls gesucht hat und nicht etwa aus ihm herausgewachsen ist – einem Roman zumal, in dem das Vergangene, Verschwundene und dessen Nachhall eine zentrale Rolle spielen sowie, nicht zu vergessen, die Schwierigkeiten bei der rückblickenden Plausibilisierung von alledem. Nebentage heißt dieses Romandebüt des 1974 in Wickede bei Dortmund geborenen, weithin unbekannten Autors; es erscheint ein Jahrzehnt nach dessen erstem Buch, dem Erzählungsband Tasmon. Die lange Inkubationszeit hat sich gelohnt. Dieser Roman gehört zum Stärksten, was die deutsche Literatur der vergangenen Jahre zu bieten hat.

Den äußeren Rahmen der Handlung bilden drei Wochen Haft in einem rumänischen Knast: Dahinein ist ein gewisser Tobias Voss 1995 geraten, weil seine doppelte Identität aufgeflogen ist. In der Zelle schreibt er für eine ferne Geliebte auf, weshalb ihr Ossi Tobias aus der Platte in Wahrheit ein Wessi namens Felix Fehling ist, aufgewachsen in einem westfälischen Dorf. Ob es besagte Geliebte überhaupt gibt, weiß man übrigens am Ende nicht mehr so genau, aber auch das gehört zur erzählerischen Kunst Palzhoffs. Die Mutation von Felix zu Tobias, vom Wessi zum Ossi geschah jedenfalls im Frühjahr 1990 ausgerechnet im postrevolutionär brodelnden Leipzig mit einer Rasierklinge an der eingetragenen Körpergröße im fremden Voss-Pass; schon passte er auf Felix. So zumindest will es der reuige Tobias-Darsteller fünf Jahre später der Adressatin und uns weismachen.

Also ein ellenlanges Briefgeständnis zwecks Rekonstruktion der eigenen Identität – oder doch nur als eine neue Erfindung, so wie jede Identitätsfindung? Auch das bleibt in der Schwebe im Palzhoffschen Mobile. Aber keine Sorge, kompliziert ist hier alles nur auf den zweiten oder dritten Blick, denn zuallererst ist Palzhoff ein spannender, dynamischer Erzähler mit bestechendem Rhythmusgefühl. Voller kräftiger Bilder schreibt dieser Felix Fehling am Anfang von seiner bundesdeutschen Kindheit der siebziger Jahre – die bei ihm originellerweise anders erscheinen als sonst üblich. Sie riechen nämlich in der westfälischen Provinz eher nach fünfziger Jahre. Der katholische Pfarrer verweigert der elterlichen Ehe zwischen der Protestantin und dem Katholiken die Sakramente; seine schreckliche Geburt dauert ewig, und seine Nabelschnur erwürgt dabei den Zwillingsbruder; bei der Taufe lässt der Vater das Baby aus Versehen auf das steinerne Taufbecken knallen. Überhaupt der Vater: Er kann einen Zaubertrick mit Münze, aber ansonsten nicht viel und ist auch bald tot, wie überhaupt die Männer in diesem Buch irgendwann auf die eine oder andere Art verschwinden. "Über abwesende Väter habe ich in dem Moment geschrieben, als ich selber Vater wurde", sinniert Palzhoff, während wir weiter gen Süden laufen; sein älterer Sohn ist drei, der jüngere ein Jahr alt.

Die Mutter ist dann allerdings auch schnell weg, sie lässt den Sohn bei der Großmutter zurück und im Internat. Überall Vorzeichen des Unglücks also ausgerechnet bei einem Felix, was aber nie penetrant aufgesetzt, sondern immer schlüssig wirkt; Unordnung und frühes Leid, unsentimental und ohne Klischees erzählt. Vor alledem und den Hänseleien in der Schule hat sich schon der kleine Felix in das Zeichnen geflüchtet; überall macht er fortan seine Skizzen, Kunst als Halt für einen Haltsuchenden.

Und irgendwann kommt Leipzig ins Spiel. Vor dem Fernseher in Dortmund sieht der 18-jährige Felix die Revolution 1989 in der DDR und schaut fasziniert den Demonstranten zu: "Sie hatten sich mit einem neuen Leben beschenkt, einem Neubeginn, einem Zurücksetzen des in den Sand gesetzten Entwurfs." Das will er auch, da muss er hin. Er steigt im Februar 1990 in den Zug und landet völlig ahnungslos in einer Leipziger Montagsdemo: "Ich wurde von einem Sturm empfangen, einer Menschenmasse, einer Stadt im Ausnahmezustand." Deutschlandfahnen, Jeansjacken, Transparente. Es ist Rosenmontag, für Felix dauert die Fastnacht zwei Wochen.

Es ist an der Zeit für die naive Grundsatzfrage an den Schriftsteller: Hatte er denn als Westler gar keine Angst vor dem Osten als Romanstoff? So fern muss er ihm doch biografisch liegen – und gerade Leipzig ist aufgeladen mit östlicher Erinnerung an 1989/90. "Literatur muss nicht authentisch sein", erwidert Palzhoff, der den Begriff ohnehin fragwürdig findet. Der Echtheitskult, der ästhetisch überall grassiert, erscheint ihm völlig abwegig. "Wenn ich heute einen Roman über Willy Brandt geschrieben hätte, wäre ich dafür ebenso wenig Zeitzeuge." Bereits in seinem Erzählungsband Tasmon kreiste eine Geschichte um die deutsch-deutsche Vergangenheit und das Drama einer Flucht aus der DDR. Die freundlichen dunklen Augen unter dem kahlen Schädel verengen sich etwas, als er prophylaktisch schon mal das allergefährlichste wie einfältigste Etikett verweigert: "Mein Buch ist auch kein Wenderoman." Die Zeit von damals ist tatsächlich der Hintergrund für andere schwärende Prozesse bei seinen Figuren: "Leipzig 1990 ist der ideale Katalysator für die Erzählung."