Ein Leben, gezeichnet von einer geradezu expressiv anmutenden Poesie. Als der Sohn einer Literatenfamilie 2002 in die Académie française aufgenommen wurde, nunmehr einer der "Unsterblichen" des Landes, wies sein Laudator, der Schriftsteller und Diplomat Pierre-Jean Rémy, auf den grotesken Umstand hin, dass der Geehrte im Alter von zwanzig Jahren noch kein Wort jener Sprache kannte, für deren "Pflege", wie es in der Satzung heißt, er nun so ruhmreich bedacht wurde. Man muss eigene Wege gefunden haben, um zum Lyriker, zum Philosophen, zum Essayisten und Sinologen in einer fremden Sprache und schließlich noch zum Übersetzer ihrer Götter zu werden: Rimbaud, Apollinaire und Henri Michaux sind in China erst durch die Übertragungen des 1929 in Nanchang geborenen Autors bekannt geworden. Als Kalligraf bleibt François Cheng in seiner autochthonen Welt. Denn auch die in Frankreich entstehenden Gedichte nehmen zuerst in der Kalligrafie Gestalt an, bevor sie von ihm in die lateinische Schriftform und die französische Sprache übertragen werden.

Der im Erfinden, Beschriften und Hervorzaubern geübte Exilant, der sich als einen Menschen "von überallher" bezeichnete, hat seine Entdeckung in Deutschland noch weitgehend vor sich. De l’âme, in Paris 2016 veröffentlicht, ist jetzt unter dem Titel Über die Schönheit der Seele im C. H. Beck Verlag erschienen, der sich schon anderer essayistischer Arbeiten des Autors angenommen hat. François Cheng kennt sich damit aus, kein abrufbares Gegenüber vor sich zu haben. Seine Kindheit fällt in die Zeit des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges mit seinem grausamen Massaker an der chinesischen Zivilbevölkerung; der Autor Lao She beschrieb 1946 die Verhältnisse in seinem Roman Vier Generationen unter einem Dach. Gerade noch, bevor Maos "proletarische Kulturrevolution" das Land aufreibt, schafft der zwanzigjährige Cheng den Sprung nach Paris, wo er sich als Lagerarbeiter und Tellerwäscher durchschlägt. Eine Zeit, die er später mit dem Wort perdition, Verdammnis, beschreiben wird. "Ich war nun einmal der Chinese im Zwanzigsten Jahrhundert; herausgefordert durch China, durch den Westen, durch das Leben", heißt es in seinem 1998 mit dem Prix Femina ausgezeichneten Roman Regenbogen überm Jangtse (2001 auf Deutsch erschienen). Ohne Erfahrung im Umgang mit dem sublimen Lebensstil der Stadt und ihrer Sprache, zurückgeworfen auf das eigene, nicht vermittelbare Idiom, holt er sich eine Reihe von Fremdenführern und Komplizen ganz besonderer Art an die Seite – die Dichter Stendhal, Flaubert, Gide und Romain Rolland, die dem Schüler im fernen China die staunenswerten Eigenschaften des Okzidents enthüllt hatten: seine Intensität und Tiefe, seine tragischen Schlüsselfiguren, sein emphatisches Verhältnis zur Musik.

Das alles befand sich nun direkt vor der Haustür. Eine Wirklichkeit, die sich verband mit Bildern früher Sehnsuchtsorte: den Wanderungen durch die Provinz Jiangxi, ihren Gewässern und Bergen, die dazu aufgerufen hatten, wie es später in den Fünf Meditationen über die Schönheit (2008 auf Deutsch erschienen) heißt, "an ihrem Abenteuer teilzunehmen". Ihr vehementes Eigenleben und die szenenreiche Gegenwart der französischen Metropole setzten Anziehungskräfte frei, unbekannte Bildverschaltungen. François Cheng nutzte das ihm aufgezwungene Schweigen, es wurde ihm zum Schauplatz der Feldforschung, ein Ausblick auf die Reichtümer und die Abgründe des neuen Lebens im Westen.

In den sechziger Jahren überraschte er den berühmten Sinologen Paul Demiéville, als er dessen Vortrag scheu von den hinteren Reihen eines Hörsaals aus mit Zitaten aus Rilkes Sonetten an Orpheus kommentierte. Der von dem luziden Seminarbeitrag beeindruckte Professor vermittelte ihn an Roland Barthes, er betreute Chengs Diplomarbeit, und es meldete sich Julia Kristeva, die eine Brücke zum Verlag du Seuil schlug, wo 1970 Chengs erstes Buch, die Abhandlung über einen Dichter der Tang-Dynastie, Zhang Ruoxu, erschien. Mit der ewigen Frage beschäftigt, ob der asiatische Kulturraum das Phänomen des Unbewussten kennt, betrat bald darauf der Psychoanalytiker Jacques Lacan, ein Protagonist abendländischer "Subjekt"-Regie, die Szene. Er schnappte sich den inspirierten Literaten aus Fernost, der von heute auf morgen zum Lehrer eines, wie sich herausstellte, ziemlich strapaziösen Maestros wurde, der den betörenden Abgesandten eines europafremden Weltwissens am liebsten rund um die Uhr um sich gehabt hätte.

Man könnte glauben, dieses Leben werde mitgerissen vom Drive und vom Ideenreichtum einer literarischen Konstruktion. François Cheng wird Jahre später der Tochter Lacans, Judith Miller, berichten, man habe "wie die Wahnsinnigen" um die Bedeutung von Zeit und Raum gerungen, die Kunst des Haiku ausgelotet, vor allem aber die den Europäern so schwer zugängliche Idee des vide médian, der mittleren Leere, erörtert. Resultat des Unternehmens war die detailreiche Studie Fülle und Leere (2004 auf Deutsch erschienen). Am Beispiel der chinesischen Malerei wird das Phänomen als ein entre-deux, als ein gewissermaßen eingeblendetes Atemholen beschrieben, das den Dingen erlaubt, sich in immer wieder neuen Konstellationen zu manifestieren; man muss an die Chemiker denken und die von ihnen als "reaktionsfreudig" beschriebenen ungesättigten Verbindungen.

Europäische Sinologen, wie etwa François Jullien, haben zwangsläufig mit methodologischen Querelen zu kämpfen. Die Ferne ihres Studienobjekts bringt ein unauflösliches Phantasma mit sich; das führt zu Disputen über Vorgehensweisen. Das Oszillogramm seiner frankochinesischen Existenz hat François Cheng zum Dichter gemacht, es ermöglicht ihm, das Bild einer Welt zu entwerfen, so luftig, gegenwärtig, so vehement in ihren Lebensäußerungen, als hätten die Wörter eine alchemistische Verwandlung durchgemacht. Dem Werk von Proust, Shelley, Goethe oder Hölderlin sei es gelungen, so äußerte er sich, "die Vielfalt der Schöpfung nicht bloß zu beschreiben, sondern selbst an den Gesten der Schöpfung teilzunehmen"; an ihrem Glanz, ihrer Formvollendung, ihrer Impulsivität. An anderer Stelle, in Chengs Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben (2015 auf Deutsch erschienen), taucht dieser Gedanke in den Worten auf, "der Mensch weist über den Menschen hinaus".