DIE ZEIT: Frau von der Leyen, nach allem, was in den vergangenen Monaten passiert ist – macht es Ihnen noch Spaß?

Ursula von der Leyen: Die Monate seit der Bundestagswahl waren wie Mehltau auf meiner Seele, weil nichts voranging. Die ganze Welt wartet auf Deutschland! Wo immer ich mich bewegt habe, ob beim Verteidigungsministertreffen in der Europäischen Union oder bei der Nato, war das mit Händen zu greifen, die Botschaft war: Wir brauchen euch dringend, wir haben viel zu tun. Deshalb ist es gut, dass wir endlich wieder mit voller Kraft loslegen können.

ZEIT: Wie soll sich die große Koalition, die jetzt kommt, von der letzten unterscheiden?

Von der Leyen: Der Koalitionsvertrag ist gut. Dann haben wir neue Ministerinnen und Minister, die neue Akzente setzen. Aber die Welt da draußen wird uns immer wieder neue Antworten abfordern: die schleichende globale Machtverschiebung, Migration, Digitalisierung und Europa.

ZEIT: Diese Themen gab es vor zwei Jahren auch schon.

Von der Leyen: Ja, und das sind auch keine Themen, die in zwei Jahren gelöst sind! Aber das ganze Jahr 2017 ist dann doch sehr ...

ZEIT: ... verplempert worden?

Von der Leyen: Der Fokus hat sich verengt auf den Wahlkampf, da geht es typischerweise vor allem um innenpolitische Themen. Dabei ist die dramatische Veränderung in der Welt ausgeblendet worden.

ZEIT: Haben Sie denn den Eindruck, dass die deutsche Öffentlichkeit diese dramatische Veränderung schon richtig erfasst hat?

Von der Leyen: Nein, aber die Verunsicherung ist angekommen und das Gespür, dass wir ganz neue Antworten brauchen. Es geht um die Grundfrage, ob wir weiterhin eine offene Gesellschaft sein wollen oder eine abgeschottete Gesellschaft. Das hat sich wie ein roter Faden durch den Wahlkampf gezogen, allerdings immer nur mit innenpolitischem Bezug. Das Ringen geht weiter, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die entscheidende Frage lautet: Können wir das, was wir westliche Demokratien nennen, schützen und wenn nötig verteidigen? Der Westen ist keine geografische Größe, sondern ein Raum der Werte und Überzeugungen, die sich aus der Aufklärung speisen. Das Gegenteil heißt: Protektionismus und Nationalismus.

ZEIT: Gehört Donald Trump zum Westen?

Von der Leyen: Der Politiker Trump hat die Verunsicherung und Wut gegenüber den großen Themen, von Globalisierung über Klimawandel bis Digitalisierung, verstanden, aufgegriffen und liefert verlockend einfache Antworten darauf. Man muss darüber sprechen, woher eigentlich die Wut und Verunsicherung in den USA kommen.

ZEIT: Und, woher kommen sie?

Von der Leyen: Das uramerikanische Versprechen ist gebrochen: Du kannst sicher aufsteigen, wenn du fleißig bist. Tatsächlich stagniert aber seit etwa 30, 40 Jahren das Einkommen von 90 Prozent der Amerikaner, und sie steigen relativ ab, während der Rest große und ein Prozent exorbitante Gewinne macht.