Die unmissverständlichen Sätze, die der Schriftsteller Uwe Tellkamp in Dresden unters applaudierende Volk brachte, lassen rechte Herzen höherschlagen. Im Netz feiert man ihn schon als Tabubrecher; er sage Dinge, die von der Systempresse feige verschwiegen würden. Ein AfD-Abgeordneter zeigte sich nach dem "linken Medienangriff" von seiner menschlichen Seite und bot Tellkamp Asyl an: "Der Weg in die AfD steht Ihnen offen." Andere twitterten: "Wann werden die ersten Tellkamp-Bücher verbrannt?"

Folgt man Tellkamps neurechten Fans, dann kann man sich die Mühe sparen, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden – Tellkamp ist "ihr Mann", und seine Romane liefern ihnen die mentalen Aufbaustoffe. Klar, gegen solche Stiefelträger ist Tellkamp machtlos. Andererseits ist die Frage nicht verboten, ob sein Werk Köder auslegt, die rechte Leser garantiert schmackhaft finden. Welche könnten es sein?

In seinem großen Roman Der Turm schildert Tellkamp die letzten sieben Jahre der DDR, das Land ist morsch und marode, wie eine Endmoräne des 20. Jahrhunderts. Die Anspielung auf die Turmgesellschaft im Wilhelm Meister ist hier nicht zufällig. In Goethes Roman agiert sie als Vortrupp eines neuen, modernen Zeitalters; die Damen und Herren predigen Vernunft und Fortschritt, während sie das Alte als nutzlos aus dem Weg räumen und im "Saal der Vergangenheit" entsorgen. Die Moderne, die bei Goethe gerade anfängt, geht bei Tellkamp mit einem Wimmern zu Ende. In Gestalt kommunistischer Spießer haben die Aufklärer der Turmgesellschaft den Sieg davongetragen, und auf der sozialistischen Resterampe liegt all das Schöne, Wahre und Gute aus alten Zeiten. Nur im Windschatten der Weltgeschichte, nur im Gedächtnis Dresdner Villenviertel überlebt das Deutsche – die Metaphysik und die Romantik.

Tellkamps eindringlich beschriebene Nützlichkeitsmoderne ist ein Alleszermalmer, und er liefert sie gleich in doppelter Ausfertigung: einmal als DDR, als Plaste und Elaste aus dem kommunistischen Osten. Und als liberales Premiumprodukt aus dem kapitalistischen Westen, bekannt geworden als BRD. Doch seltsam: Während die Ost-Moderne einfach verröchelte, überlebte die West-Moderne ihren Untergang.

Vom unverdienten Überleben dieses Scheintoten handelt Tellkamps Roman Der Eisvogel, 2005 erschienen, drei Jahre vor dem Turm. Die Geschichte, eigentlich ein Monolog, spielt zur Regierungszeit von Gerhard Schröder und Joschka Fischer; die beiden Superhelden haben gerade die glorreichen Hartz-IV-Gesetze erfunden, und statt durch blühende Landschaften zieht das "deutsche Volk" durch eine große Depression. Die Städte sind voller "Menschen, die ihre Lebensboote durch die Straßen treideln". Im Grunde sind es keine richtigen Menschen. Es sind "Herdentiere".

Es ist nicht nur die Arbeitslosigkeit, die wie ein Bleihimmel über dem Land liegt; es ist eine totalitäre "weiße Macht", die alles fest im Griff hat, ein demokratischer Einheitsgeist mit Einheitspresse und Einheitsgefühlen. "Die Menschen sind krank von Demokratie", sagt der Held, denn die Demokratie interessiere sich nur für den "ausmünzbaren Geist". Und weil die "geistig Tätigen" nichts zu bestellen hätten, sei die Kultur ergriffen vom "Ungeziefer der Angst". Das Leben? "Abfall." Kurzum, in Tellkamps Eisvogel hat eine Doppelherrschaft Deutschland in die Zange genommen, eine Allianz aus Wall-Street-Bankern und linkem Establishment. Auf der einen Seite wütet der US-Kapitalismus mit Bonzen, Bossen und Betrügern; auf der anderen Seite herrscht das linke Natterngezücht – eine machthabende Klasse aus arrivierten Steinewerfern, "Habermas-Klonen", Adorniten und den "eisgekühlten Kaltschnauzen" des Dekonstruktivismus, die glauben, alles Pathetische sei Faschismus. Alte Linke und New Economy ergänzen sich prächtig. Wo früher Deutsch gesprochen wurde, gibt es nun "schwul-lesbische Sprachkurse in Finnisch, Türkisch, Hebräisch".

Das rechte Gejammer über das linksversiffte Land kommt aus dem Munde von Wiggo Ritter, einem arbeitslosen Philosophen, der das elende Tauschdenken der ökonomischen Menschen hasst wie die Pest. "Ich hasse meine Zeit, weil sie Leute wie mich hasst." Nachdem er seinen rechtsradikalen Freund erschossen hat, liegt der junge Mann mit schweren Brandverletzungen im Krankenhaus und hält eine endlos lange, phantasmatisch überschießende Verteidigungsrede. Das ist auch nötig: Ritter hatte sich vorübergehend einer rechten Terrororganisation angeschlossen, die von Starnberg aus die "Wiedergeburt" der Nation in Angriff nehmen wollte. Die faschistische Ordensgemeinschaft kämpft nicht dafür, dass im Liberalismus mehr rechte Meinungen zu Wort kommen; sie kämpft für eine neuheidnische Elitenherrschaft, in der jeder Bürger nach Stand und Rang einsortiert wird. "Ordnung, Hierarchie, Gerechtigkeit". Der Anführer will "das Sterben wieder lernen", um "Verkrustungen" aufzubrechen. "Wir brauchen einen Krieg, Wiggo!"

Die Rezensenten haben den Eisvogel seinerzeit mehrheitlich gelobt, und in der Tat: Die Figurenrede ist als wortmächtiger Fiebertraum arrangiert, als Wutauswurf einer an den Zeitläuften irre gewordenen Seele. Kein Fiebertraum allerdings ist eine zentrale Passage, in der Tellkamp eine Argumentationsfigur aufgreift, die dem ultrarechten Ekelarsenal entnommen ist. Denn woher rührt Wiggos Welthass? Er rührt von seinem jüdischen Professor, einem linksdrehenden Widerling, der seinen hochbegabten Assistenten Wiggo wegen rechtsabweichender Gedanken ("Sie sind ein Romantiker!") in die Wüste geschickt hat. Tellkamps jüdischer Professor duldet keine anderen Götter neben sich, er lässt den deutschen Schüler nicht deutsch denken und deutsch fühlen. "Er ließ mich nicht leben. Er. Er."

Doch dann der Schock. Als Wiggo auf Rache sinnt, erkennt er, dass der verhasste Professor ein Auschwitz-Überlebender ist, der heimlich Heidegger liest und sich sogar eine Weile der Widerstandsgruppe angeschlossen hatte. Was für eine Assimilationsfantasie: der Jude mit der "Vogelkopffrisur" als unerlöster linker Eisvogel, als verzauberter Deutschdenker, der freiwillig-unfreiwillig die deutsche Romantik verraten hat. Wie kommt Tellkamp darauf? Wen hat er gelesen, um so etwas zu schreiben?

Dass Wiggo aus Angst und einem fanatischen Verlangen nach Sicherheit und Ordnung zum Rechtsradikalen wird – dies ist das Schonendste, was man über ihn sagen kann. Der Spiegel zitiert Tellkamp mit der Bemerkung (14/2005), diese Figur sei ihm beim Schreiben oft sehr nahe gekommen und er habe sich von Wiggo innerlich distanzieren müssen. Das ist ein rühmenswert ehrlicher Satz, denn er beichtet die Angst des Autors vor seiner eigenen Verführbarkeit. Der Schoß ist fruchtbar noch.