DIE ZEIT: Herr Tichy, Sie gelten als eher konservativer Ökonom ...

Gunther Tichy: ... das mag schon irgendwie stimmen. Aber ich habe zum Beispiel nie die Angst der deutschen Kollegen vor dem Schuldenmachen geteilt. Und gegen Staatstätigkeit habe ich wenig einzuwenden, den Staat möglichst zu reduzieren ist nicht das Meine.

ZEIT: Also müssten Sie den Plan der Regierung begrüßen, das Bekenntnis zum Wirtschaftswachstum in Verfassungsrang zu heben.

Tichy: Nein, das ist absoluter Unsinn. Dieses Vorhaben ist ein typischer Fall von Anlassgesetzgebung. Da gab es den nicht genehmigten Bau der dritten Piste am Flughafen Schwechat, ein klares Fehlurteil, und ein viel zu lange dauerndes Verfahren. Doch deshalb Wachstum als Ziel in die Verfassung zu heben ist ein völliger Kurzschluss. Das behebt das eigentliche Problem nicht, es verstärkt es nur.

ZEIT: Das Problem Flughafenausbau?

Tichy: Das Problem, dass solche großen Verfahren heute unendlich lange dauern, überall auf der Welt und in Österreich ganz besonders. Was es braucht, ist kein neues Staatsziel, es gibt ja bereits das sinnvolle und ausreichende Ziel des "gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts". Abgesehen davon braucht es konkrete Gesetze, Verfahrensvorschriften, um bei Großprojekten die politisch-ideologischen Konflikte, etwa zwischen Wirtschaftsinteressen und Umweltschutz, zu lösen. Schon jetzt sind die Ziele in der Verfassung ein merkwürdiges Sammelsurium, mit Bekenntnissen zu Nachhaltigkeit und Tierschutz, zu hochwertigen Lebensmitteln und zur Forschung.

ZEIT: Wird denn mit einem Staatsziel Wirtschaftswachstum der Umweltschutz zurückgereiht, wie Umweltorganisationen warnen?

Tichy: Wahrscheinlich sind unter dem grünen Einfluss der letzten Jahre die Einspruchsmöglichkeiten von Anrainern in den Verfahren etwas zu weit gegangen, bis dahin, dass jeder Bürgermeister plötzlich mitreden kann. Doch deswegen noch ein weiteres Staatsziel in die Verfassung zu schreiben ist ebenso ein Kurzschluss wie die Idee, ein Entscheidungskomitee aus Beamten und Landesfürsten zu bilden.

ZEIT: Sie meinen das Standortkomitee, das die Regierung planen soll, um alle zwei Jahre strategisch wichtige Projekte festzulegen ...

Tichy: ... und dabei Anrainer und Umweltverbände völlig draußen lässt. Der Trade-off, also der Zielkonflikt zwischen verschiedenen Interessen, wird dadurch nicht gelöst, ebenso wenig wie eine Verfassungsänderung zu konkreten Lösungen führt. Und man muss natürlich überlegen, was in eine Verfassung überhaupt hineingehört. Warum Wachstum, nicht aber Vollbeschäftigung oder Verteilungsgerechtigkeit?

ZEIT: Verteilungsgerechtigkeit erwartet man sich eher nicht als Causa prima einer rechtskonservativen Regierung.

Tichy: Klar, wenn das Staatsvolk eine konservative Regierung wählt, dann gibt es eine gewisse wirtschaftsorientierte Verschiebung der Ziele, das ist nur legitim. Aber in diesem Fall geht es um falsche Definitionen. Wachstum als solches ist kein Ziel.

ZEIT: Das überrascht. Sie gehören sonst nicht zu den Wachstumskritikern.

Tichy: Nein, aber worum es eigentlich geht, ist doch die Wohlfahrt der Bevölkerung. Bloß ist das so selbstverständlich, das muss man nicht einmal sagen oder in die Verfassung schreiben. Und natürlich kann Wachstum für die Wohlfahrt eine notwendige Sache sein. Aber was heißt denn Wachstum als solches? Wir wollen rascher wachsen als die Deutschen oder die Chinesen? Alles klar, ist ja kein Problem, vergolden wir mal eben alle Kirchendächer, und schon steigt unser Bruttoinlandsprodukt!

ZEIT: Wie viel Einfluss hat ein Staat wie Österreich also auf seine Konjunktur, wenn etwa der US-Präsident Strafzölle auf Stahlimporte ausruft, Großbritannien aus der EU austritt, oder eines Tages vielleicht wieder eine Finanzkrise ausbricht?

Tichy: Man muss nicht einmal bis zu Trump schauen. Auch der demografische Wandel ist so ein typischer Fall, der die Möglichkeiten staatlichen Handelns beschränkt, genauso wie Klima- oder Umweltbedingungen.

ZEIT: Die Arbeitslosigkeit sinkt, das Wifo spricht vom höchsten Wirtschaftswachstum seit sechs Jahren. Dem Standort, um den es der Regierung bei alledem ja geht, scheint es ganz gut zu gehen.

Tichy: Das Standortproblem wird generell wahnsinnig überschätzt. Die Italiener oder die Franzosen wären froh, wenn es so laufen würde wie bei uns. Wir haben keine wirklichen Standortprobleme, die man hier lösen könnte, der Wirtschaft geht es nicht schlecht. Auch wenn der Export nicht ganz so gut ist, wie er nach außen ausschaut.

ZEIT: Dabei stiegen die Ausfuhren im Vorjahr um 8,2 Prozent und sollen auch heuer weiter steigen.

Tichy: Aber wir verlieren nach wie vor Anteile auf unseren Märkten und sind eher auf die langsam wachsenden Märkte der Euro-Länder konzentriert. Da müsste man schauen, dass die Zahl der exportierenden Betriebe steigt und dass sie vor allem stärker in rasch wachsende Märkte gehen, etwa indem man das System der Exportversicherungen ausbaut.

ZEIT: Abgesehen von einer Verfassungsänderung will die Regierung neue Lehrberufe einführen und Genehmigungsverfahren vereinfachen.

Tichy: Beides sinnvoll. Allerdings scheitern die Verfahren daran, dass zu viele Behörden beteiligt sind und dass sich die Vorschriften zum Teil widersprechen. Die Lösung wäre eine Art One-Stop-Shop. Man geht zu einem einzigen Beamten, und der ist dafür verantwortlich, die Genehmigungen zu koordinieren, nicht der Antragwerber. Aber davon habe ich noch nichts gehört. Es geht nur um Vereinfachung, das heißt dann unter Umständen, dass man mit Genehmigungen eher locker umgeht. Das kann auch nicht das Ziel sein.