Was werden wir in den nachgelassenen Papieren von Franz Kafka finden, wenn sie endlich ans Licht gelangen sollten? Das weiß keiner so genau. Gegenwärtig sind sie im Besitz von Eva Hoffe, der Tochter von Ester Hoffe, die ihrerseits die Sekretärin und vielleicht die Geliebte Max Brods war, welcher seinerseits den Nachlass seines Freundes Kafka, statt ihn weisungsgemäß zu verbrennen, mit nach Israel nahm und damit rettete, vor den Flammen ebenso wie vor den Nazis. Ester Hoffe, die erst vor Kurzem im Alter von 101 Jahren starb, hinterließ das kostbare Erbe ihrer Tochter, welche es offenbar in ihrer von Katzen überfüllten Wohnung in Tel Aviv hortet, einen ganzen Koffer voll, und darum mit dem Staat Israel, der es für sich in Anspruch nimmt, bis in die höchsten Instanzen prozessiert – Ausgang ungewiss.

Das ist schon an sich ein halber literarischer Krimi, und mit ein bisschen Fantasie müsste sich ein ganzer draus machen lassen. Den Versuch hat jetzt Nicole Krauss unternommen, erfolgreiche jüdisch-amerikanische Schriftstellerin, ehemalige Ehefrau von Jonathan Safran Foer und auch mit Deutschland, seiner Sprache und Literatur vertraut. Sie setzt ihre Heldin, die mit der Autorin Vornamen, Alter und Profession teilt, auf die Spur jenes ominösen Nachlasses.

Das geschieht aber nicht geradlinig. Sondern Nicole (die Heldin des Buchs), die in der ersten Person spricht, befindet sich in einem unbehaglichen Zustand zwischen zwei Büchern, weiß nicht recht, was jetzt passieren soll, und macht sich, mehr aus einem unklaren Gefühl, dort könnte sich etwas ergeben, in das Hilton-Hotel von Tel Aviv auf, einen Ort, der für sie von frühester Kindheit an von Bedeutung war. Dort fädelt ein Verwandter für sie ein Treffen mit Eliezer Friedman ein, emeritierter Literaturprofessor und möglicherweise ehemaliger Mossad-Mann. Sie führen Gespräche über Bücher, und er vereinnahmt alles, was sie schreibt, so unmittelbar für die jüdische Sache, dass die individualistische New Yorkerin aus allen Wolken fällt. Was er wirklich von ihr will, beginnt sich allmählich herauszuschälen: Sie soll ein Dramenskript Kafkas zu Ende führen, sodass sich ein Film daraus machen lässt. Kafka und Drama? Da scheint einiges nicht zu stimmen. Aber dann ist die Welt ja auch überhaupt nicht im Bilde, wie es mit Kafka in Wahrheit weiterging. Tatsächlich starb er mitnichten 1924 an Tbc, sondern täuschte sein Begräbnis nur vor und wanderte unter dem Namen Anshel Peleg nach Israel aus, wo er sich fortan weitere dreißig Lebensjahre als Gärtner betätigte und sein Werk auf Hebräisch fortführte. Hatte er sich nicht intensiv mit der hebräischen Sprache und dem Zionismus beschäftigt? Und nicht immer vom Verschwinden geträumt? Na also! Friedman und Nicole schleichen um das Haus von Eva Hoffe herum, das infernalisch nach Katzenpisse stinkt. Plötzlich hat Friedman dann doch besagten Koffer in der Hand. Und dann organisiert er (so jedenfalls sieht es aus) ein Kidnapping, Nicole findet sich in einer Hütte inmitten der Negev-Wüste wieder, mit nichts als dem Koffer, einer Schreibmaschine und Friedmans alter, müder Hündin zur Gesellschaft ...

Das wäre an sich ein hübscher, obwohl ein wenig überzogener Plot, wie das ja fast immer in Büchern der Fall ist, die von verschollenen Manuskripten handeln. Auch widersteht Nicole Krauss (die Autorin) der Versuchung, den unglaublich schäbigen Koffer zu öffnen und ebenso frech aus Kafkas Fragmenten zu zitieren, wie sie ihm ein levantinisches Nachleben ersonnen hat. Die Versuchung muss stark gewesen sein; aber sie weiß, dass sie damit nicht durchgekommen wäre; nicht bei Kafka. Die Heldin (und die Autorin) weigert sich, den heiligen Text weiterzuschreiben oder auch nur aufzuschlagen – ein Demutssignal dafür, wie viel sie von diesem Dichter über allen Dichtern trennt. So führt der Koffer eine Existenz von reizvoll rätselhafter Untererfüllung, ein wahrer McGuffin wie bei Hitchcock, umso reizvoller, als es diesen Koffer offenbar wirklich gibt und der Leser sich nie sicher sein kann, wo die Grenze von Fakt und Fiktion verläuft.

Aber Krauss will noch etwas anderes. Und damit beginnen die Probleme. Die Unruhe Nicoles (beider Nicoles), die sie in Bewegung setzt, trägt mystischen Charakter, den Charakter eines überhöhten Erlebens an sich normaler Dinge und des anschaulichen Erlebens von Dingen, die außer im Anschauen des Erlebenden keinen Ort haben. Infolgedessen hat die Mystik das Missliche an sich, dass von ihr, da sie nirgends als im vereinzelten Subjekt einen Ort hat, nicht in ausdrücklicher Weise die Rede sein kann, sondern immer nur vermittelt und in Bildern. Die Mystik treibt notvoll den Dichter hervor. Und es muss einer ein Dichter sein oder werden, um es mit ihr aufzunehmen. Krauss hebt so an:

"Alles war von Stille berührt, nur die Wolken eilten dahin, als hätte die Erde begonnen, sich etwas schneller zu drehen. Und als ich wie festgenagelt in der Küchentür stand, war das mein erster Gedanke: dass die Zeit schneller geworden und ich auf meinem Weg nach Hause irgendwie zurückgeblieben sei."