Das Wir im Jazz kennt keine festen Grenzen. Es ist offen, flüchtig, findet sich in wechselnden Konstellationen zusammen. Und in manchen Momenten ist es ein glückliches Paradox – wenn alle sie selbst sind und doch ganz beim anderen. Diese Momente sind vielleicht die aufregendsten im Jazz, aufregender als jedes Solo. Die Momente des Wir im Jazz, des Wir-Jazz, We Jazz.

Seit 2009 trägt eine Clubnacht in Helsinki diesen Namen; aus der Clubnacht wurde 2013 ein Festival, aus dem 2016 ein Label hervorging – We Jazz Records. Es zählt zu den interessantesten Neugründungen der vergangenen Jahre.

Der Name, sagt Festivalkurator und Produzent Matti Nives, der We Jazz gemeinsam mit dem Saxofonisten Timo Lassy ins Leben gerufen hat, habe sich durch einen Griff ins Plattenregal gefunden. "Ich habe die erstbeste LP rausgezogen. Ein Blick auf die Titelliste, da stand We, und Timo Lassy sagte: 'We Jazz, das ist es.'" Welche LP das war? "Wenn ich das noch wüsste!"

Aber womöglich ist es gar nicht so wichtig, wie alles anfing, sondern wie danach eines zum anderen kam. Wie aus Matti und Timo ein stetig wachsendes Wir wurde, zu dem Musiker aus allen Stilrichtungen des Jazz stießen. Wie das Festival von Jahr zu Jahr mehr Publikum anzog, immer im Dezember, wenn es so richtig dunkel ist in Finnland. Und wie das Label seine Grenzen immer weiter verschob. Jetzt fährt der Jazz sogar in ironischer Easy-Rider-Pose auf dem Moped vor, finnisch: Mopo. So nennt sich der jüngste Zugang im Kollektiv.

Mopo ist ein Trio, am Saxofon Linda Fredriksson, am Bass Eero Tikkanen, am Schlagzeug Eeti Nieminen. "Mopo", schreibt Linda Fredriksson im Booklet zum neuen Album, "ist ein Moped. Mopo ist eine Band. Mopo ist ein Abenteuer." Das Booklet sieht aus wie ein mit Uhu und Nagelschere collagiertes Fanzine; die Musik biegt irgendwo zwischen Rage Against the Machine, Ennio Morricone und den lyrischen Momenten Ornette Colemans auf ihre eigenen Nebenstrecken ab. "Raw and beautiful", roh und schön, verspricht der Aufkleber auf der LP-Hülle. Das trifft es. Vom Helge-Schneider-haften Titel Mopocalypse darf man sich nicht irreführen lassen.

Weder Mopo noch We Jazz erfinden den Jazz neu. Aber er wird hier mit einer Unbefangenheit, Dringlichkeit und Freude gespielt, als sei er gerade erst erfunden worden. Bei We Jazz ist Jazz keine Stilfrage und kein Marktsegment, sondern das, was er von Anfang an war: eine Sprache.

Und was lässt sich alles in ihr ausdrücken! Linda Fredrikssons Baritonsaxofon entwickelt in den tiefen Lagen die Wucht eines Heavy-Metal-Riffs und tänzelt in den Höhen wie eine Klarinette. Zwischen Balladenseligkeit und Headbanging liegt bei Mopo mitunter nur ein Taktstrich. Ihre Musik ist frei von Innovationszwang und Retromanie, frei von bemühtem Wohlklang und forcierter Schrulligkeit – und dabei von einer Gefühlskraft, von der andernorts im Jazz nur Wehmut und Melancholie geblieben sind. 2014 trat die Band in Helsinki binnen 24 Stunden an 24 Orten auf. Am Ende bluteten die Lippen, und keiner spielte mehr einen Ton zu viel.

Eine gewisse Unausgeruhtheit ist allen We-Jazz-Künstlern eigen: Seien es Black Motor mit ihrem rhizomartig wuchernden Zeitlupen-Free-Jazz auf Branches von 2017. Sei es das eigenwillig swingende Bowman Trio, dessen Livealbum 2016 die erste We-Jazz-LP war. Sei es das Ensemble 3TM, das auf Form Improvisiertes mit elektronischer Musik ins Gespräch bringt. Oder der Saxofonist Jukka Perko: In den achtziger Jahren ging er als junger Mann mit der Dizzy Gillespie Big Band auf Welttournee. Auf dem Album Dizzy wagt er sich nun erstmals an einige von Gillespies großen Bebop-Kompositionen. Anrührend, wie ein Blick ins Familienalbum, ist das beigefügte Heft mit all den Zeitungsausschnitten, Flugtickets und Notizen von damals.

Es sind also keineswegs nur die Jungen, die sich auf We Jazz austoben oder in sich gehen. Kürzlich nahm der bald 70 Jahre alte Pianist Olli Ahvenlahti hier nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder ein Album auf (Thinking, Whistling). Und es gibt auch sonst keine starre Klammer, die zusammenhielte, was auf We Jazz erscheint – außer dass bisher alle Künstler Finnen sind. Aber auch dabei wird es nicht bleiben. "Letztlich", sagt Matti Nives, machen wir einfach, was uns gefällt. "It’s all about nice people in the end." Jazz von Freunden für Freunde.

Und Jazz, das ist nicht unwichtig, für Freunde der Schallplatte. We Jazz ist nichts fürs iPhone. Zwar gibt es die meisten Titel auch digital und auf CD, der Anfang aber war das Vinyl, und vielleicht liegt in der Leidenschaft fürs Analoge die Antwort auf die Frage, was die Veröffentlichungen – ein gutes Dutzend sind es bisher – verbindet: die Liebe zum Detail, mit der die Alben gestaltet sind, und ihr Sound. Unmittelbar wirkt er, fast körperlich, nie ätherisch und schwebend, wie es für skandinavischen Jazz so typisch ist. Der Raum, der sich im Klangbild abzeichnet, strebt nicht ins Grenzenlose. Legt man eine We-Jazz-Platte auf, ist es, als sei man bei den Aufnahmen live dabei oder als sitze man neben den Musikern im Probenraum. Es gibt nicht viele Jazz-LPs, die von den ersten Takten an das Verlangen wecken, die Lautstärke hochzudrehen. We-Jazz-Platten gehören dazu. Hinter diesem Sound stecken, Matti sagt es: "Freunde von uns". Freunde, die auf ihrem Label Timmion in Helsinki Funk- und Soulplatten herausbringen, in ihrem Schneideraum aber auch für andere Künstler Matrizen anfertigen und dabei einen Klang erschaffen, der Musiker und Sammler weltweit begeistert.

Also doch: Jazz wie damals, vintage, retro? Nein, es geht nicht darum, die Aufnahmen mit einer künstlichen Patina zu veredeln. Das analoge Mastering erzeugt, im Gegenteil, maximale Jetzigkeit. Das Ergebnis ist puristische Musik – aber nichts für Puristen.

Der Erfolg, den das Label mittlerweile hat, überrascht Matti Nives selbst. Mopocalypse von Mopo erreichte in Finnland kürzlich Platz drei der LP- und CD-Verkäufe. Eine Folge des viel beschworenen Jazz-Revivals? "Ich weiß nicht", sagt Matti, "ob es ein Jazz-Revival gibt. Es gibt, glaube ich, eher ein Revival des Musikhörens überhaupt. Die Leute sind wieder neugierig, und sie können auf alles zugreifen." Da lande der eine oder andere auch bei ihnen. Zum Jazz bekehren wollten sie niemanden. Die Türen aber stehen offen.

Mopo: Mopocalypse (We Jazz)