Was machen Intellektuelle in einer Revolution? Und was Tänzerinnen? Davon erzählt die ägyptische Autorin Nora Amin, die zugleich Performancekünstlerin ist und Theaterfrau. In ihrer Heimatstadt Kairo haben sich 2011 die Massen erhoben, allen voran die Frauen. Es ist die Zeit des Arabischen Frühlings, dessen Bühne der Tahrir-Platz ist. Die bisher aus der Öffentlichkeit verbannten Frauen verlangen dort ihre Freiheit und üben sie zugleich aus: Sie legen den Schleier ab und tanzen und fordern den Sturz von Husni Mubarak, der als Staatspräsident 30 Jahre lang ein korruptes Regime führte.

Die Regeln des Patriarchats scheinen für kurze Zeit ausgesetzt. Die 1970 in Kairo geborene Nora Amin gründet das "Landesweite ägyptische Projekt für ein Theater der Unterdrückten" und reist durchs Land. Sie ist jetzt Aktivistin und will Denkweisen ändern und zieht deshalb das Publikum mit hinein. Zuschauerinnen übernehmen Rollen, um sie anders weiterzuspielen. Improvisierend werden neue Wege der Konfliktlösung gesucht.

Amin hat einen biografischen und politischen Essay geschrieben. Die politischen Erfahrungen sind nicht von denen zu trennen, die sie als Frau macht. Sie revoltiert als Frau und wird als Frau Ziel der Aggression von Passanten und Regimeanhängern, egal wie groß ihre Kunst ist, Geschlechterrollen kreativ zu gestalten.

Dies ist also auch eine Geschichte des ägyptischen Arabischen Frühlings als Körpergeschichte. Scheinbar harmlose Beobachtungen stehen neben Erinnerungen an Gewaltexzesse, deren Lektüre schwer zu ertragen ist. Amin erinnert an das Ägypten ihrer Jugend, in dem so gut wie jede Hausfrau in ihrem Schlafzimmer die sexy Bauchtänzerin gab, zugleich aber den Stab gebrochen hätten über Frauen, die öffentlich tanzen. Auf dem Tahrir-Platz wird der Tanz der Frauen mit Massenvergewaltigungen beantwortet. Sexuelle Gewalt ist politisches Werkzeug, es geht um die Abwertung des selbstbestimmten weiblichen Körpers.

Die Autorin arbeitet ein Paradox heraus: Ohne die Blicke der anderen sei Identität nicht möglich, schreibt sie, niemand entwerfe sich im luftleeren Raum. Doch die Blicke veränderten zugleich jede Identität, indem sie bewerteten und so den anderen formten, das sei so in Ägypten wie in Deutschland. Amin schildert, wie schwierig es selbst auf ihrer Theaterbühne für Frauen war, eine unterwürfige Weiblichkeit abzustreifen: Die meisten seien davor zurückgeschreckt, sich dem Unterdrücker auch nur im Spiel zu stellen.

Nora Amin: Weiblichkeit im Aufbruch. Aus dem Englischen von Max Henninger; Matthes & Seitz, Berlin 2018; 124 S., 14,– €, als E-Book 9,99 €