Wie soll man gleichmütig sein, gelassen, ausgewogen angesichts der Ereignisse? Nach vier Jahren Weltkrieg, unter dem Eindruck anschwellender Massenproteste, in einer Zeit revolutionärer Hoffnung? Das Kaiserreich, schreibt Kurt Tucholsky bei Kriegsende 1918, gleiche einem Augiasstall. Die Weltbühne wolle "gute Reinigungsarbeit" verrichten, hartnäckig gegen "Knechtsgeist" und überkommene Hierarchien streiten – "mit Haß aus Liebe". Jede Woche stößt sie "mit Heftigkeit und vollen Lungen einen Weckruf" aus, "rücksichtslos, schrill, unbarmherzig", erinnert sich der Pazifist und Publizist Rudolf Olden, selbst Autor der Zeitschrift, die das intellektuelle Weimar prägte wie keine zweite und bis heute Sehnsüchte wie Ressentiments weckt.

Vor 100 Jahren, am 4. April 1918, erscheint sie erstmals unter dem Titel Weltbühne. Der alte Name Schaubühne, unter dem sie Siegfried Jacobsohn 1905 als Theaterblatt gegründet hat, wirkte überholt. Infolge des Weltkriegs seien Literatur und Kunst zur Politik "in das Verhältnis Luxus: zum Notwendigen" getreten, stellt der Kulturkritiker Alfred Polgar 1927 fest. Ohne die Kunst aber, die Literatur und das Theater hätte es die Weltbühne nicht gegeben. Und ohne die Schriftsteller und anderen Künstler, die sich in ihr zu Wort meldeten, hätte sie kaum ihre noch immer anhaltende Wirkung entfaltet.

Am Anfang steht ein Skandal, und Siegfried Jacobsohns journalistische Karriere scheint beendet, bevor sie recht begann: 1904 wird der Theaterkritiker des Plagiats beschuldigt. Mit seiner Arbeit für die Berliner Tagespresse ist es vorbei, und so errichtet er sich eine eigene publizistische Bühne. Wochenschrift für die gesamten Interessen des Theaters lautet der Untertitel der Schaubühne. Dabei bleibt es nicht. Vor allem Kurt Tucholsky, der 1913, gerade 23 Jahre alt, dazustößt, schärft die politische Kontur der Zeitschrift. Bald nennt sie sich Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft.

Tucholsky avanciert zu ihrem fleißigsten Schreiber. Mit Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Peter Panter legt er sich gleich drei Pseudonyme zu, um die Vielzahl von Artikeln aus seiner Feder zu kaschieren; später vervollständigt er sie mit Kaspar Hauser zu den berühmten "5 PS" (seinen wirklichen Namen zählt er mit). Für seine Polemiken und Spottgedichte wird er geliebt und gefürchtet. Während des Ersten Weltkrieges freilich muss die Redaktion einen gemäßigten Kurs steuern, um der Zensur zu entgehen. "Keine Nummer wäre erschienen", schreibt Tucholsky, "wenn gesagt worden wäre, was zu sagen war."

Nach dem Krieg überzieht die Weltbühne Militär, Verwaltung und Justiz umso entschiedener mit Kritik. Sie deckt Justizskandale auf und berichtet über Fememorde terroristischer rechter Geheimorganisationen, denen bis Mitte der zwanziger Jahre rund 400 Menschen zum Opfer fallen. Recherchen über die Schwarze Reichswehr führen zur Verurteilung mehrerer Täter – in völkischen Kreisen schmäht man die Weltbühne als "Judenblatt".

Ihre publizistischen Angriffe könnten "zersetzend" wirken, fürchtet man auch jenseits rechtsextremer Kreise. Ein Vorwurf, den Tucholsky im März 1919 in seinem Artikel "Wir Negativen" triftig abwehrt: Einen Augiasstall könne man schwerlich beschmutzen.

Die Kritik verstummt auch in späteren Jahrzehnten nicht. 1978 bringt der einstige Weltbühne-Autor Axel Eggebrecht, nunmehr ein bekannter Rundfunk-Journalist und Intellektueller, einen kompletten Nachdruck der Zeitschrift heraus, 26 700 Seiten stark. Die Reaktionen sind gespalten. Der Herausgeber des Spiegels, Rudolf Augstein, nennt die Weltbühne einen "Totengräber" der Weimarer Republik (dabei hat er 14 Jahre zuvor, nach der gerade überstandenen Spiegel-Affäre, all jene, die eine solche Behauptung wagten, als "Kokett-Schreiber oder recht ahnungslos" bezeichnet). Und der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler wirft ihr vor, "ohne Pardon" die "tief angeschlagene Republik" attackiert zu haben. Zu dieser "prinzipiellen Staatsfeindschaft" habe sich in den späten Jahren eine gefühlsduselige "Volksfrontromantik" gesellt. Das sind scharfe Verdikte.

Sie bleiben nicht unwidersprochen. Die Weltbühne als "kommunistisches oder doch linksradikales Kampfblatt" – das, wendet der Historiker Karl-Heinz Janßen in der ZEIT ein, sei ein "altes Vorurteil". In Wahrheit sei sie ein durchweg prorepublikanisches "liberales Forum" für "alle wichtigen geistigen Auseinandersetzungen jener Epoche" gewesen. In der Welt hob vor einigen Jahren der ehemalige ZEIT-Feuilleton-Chef Fritz J. Raddatz, der Tucholskys "gigantisches Frühwarnsystem" für militaristische und autoritäre Tendenzen bewundert, den demokratiestärkenden Charakter des Blattes hervor.