Überschätzt nicht die eine wie die andere Sicht die Bedeutung der Weltbühne? Schließlich werden selbst zu ihren besten Zeiten nicht mehr als 15.000 Stück gedruckt. Doch die bescheidene Auflage täuscht über Wirkung und Reichweite hinweg. Die Tagespresse, selbst Regionalzeitungen greifen die Thesen und Themen der Weltbühne auf. "Durch tausend Netzkanälchen", notiert Tucholsky, "laufen aus dieser Quelle Anregungen, Formulierungen, Weltbilder, Tendenzen und Willensströmungen ins Reich."

Unter den Autoren sind fast alle bekannten Schriftsteller, Publizisten und Kritiker der "Goldenen Zwanziger" – eine keineswegs homogene Gruppe: Es erscheinen Gedichte, Feuilletons, Kritiken, Porträts und Reportagen von Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Alfred Döblin und Bertolt Brecht, von Else Lasker-Schüler, Ernst Toller und Arnold Zweig, von einem Anarchisten wie Erich Mühsam und einem bürgerlichen Liberalen wie Friedrich Sieburg, der sich später den Nazis andienen wird. Leitartikler wie Kurt Hiller und Heinrich Ströbel provozieren mit kantigen Kommentaren. Alles in allem steht die Weltbühne links, dogmatisch aber ist sie nicht. Sie versteht sich als eine Arena für kontroverse Positionen.

Einem Dompteur gleich gelingt es Siegfried Jacobsohn jede Woche aufs Neue, diese Eigenwilligen und Solitäre zu versammeln, in dem ziegelroten "Blättchen", das er liebevoll sein "geronnenes Herzblut" nennt. Er ist ein stilsicherer Profi mit scharfem Urteilsvermögen und keineswegs ein unpolitischer Ästhet, wie gelegentlich behauptet.

Anfang Dezember 1926 stirbt er, 45 Jahre alt, überraschend an den Folgen eines epileptischen Anfalls. Kurt Tucholsky leitet das Blatt daraufhin für einige Monate – dann löst ihn Carl von Ossietzky ab, der kurz zuvor zur Weltbühne gekommen ist. Tucholsky ist dankbar. Er will schreiben, nicht redigieren. "Ri-Ra-Rücksichten" nimmt er nur selten. Sein berühmter Satz von 1931 "Soldaten sind Mörder" provoziert bis heute. "Er teilte an der kleinen Schreibmaschine Florettstiche aus, Säbelhiebe, Faustschläge", schreibt Erich Kästner später voller Anerkennung.

Anfangs stellt sich die Redaktion auf die Seite linker Liberaler wie unabhängiger Sozialdemokraten. Radikalen Räteideen begegnet sie skeptisch. Gleichwohl bewertet sie den Übergang zur Demokratie als unzureichend angesichts der mächtigen Relikte des Ancien Régime. Der Elitentausch erscheint vielen Autoren als ebenso halbherzig wie der gesellschaftliche Wandel. Das Verlangen nach einer nachholenden oder zumindest fortgesetzten Revolution bleibt vital. 1920, während des Kapp-Lüttwitz-Putsches, versuchen rechte Militärs, die Macht an sich zu reißen, und treiben die Republik an den Rand eines Bürgerkrieges. Tucholsky appelliert danach kurz und knapp an die Leser: "Wir haben keine Revolution gehabt. Macht eine."

Die Kritik des Blattes zielt indes nicht nur auf die Feinde von rechts. Auch der erste Präsident der Republik, Friedrich Ebert (SPD), stößt, vorsichtig formuliert, auf wenig Gegenliebe. Er wird als zu reformerisch, als ordnungsliebend und obrigkeitshörig gerügt – und für seine intellektuellen Schwächen verspottet. Ähnliche Häme trifft auch andere Repräsentanten der "faulen Parlamentsdemokratie". Die Autoren des Blattes legen die Messlatte hoch, verlangen mit ihrem Drang nach Demokratisierung und Revolutionierung der Köpfe viel, vielleicht zu viel von der jungen Republik.

Als 1925 Paul von Hindenburg Reichspräsident wird und sich wie ein Ersatzkaiser gebärdet, sehen sie ihre Befürchtungen bestätigt. Entgegen der verbreiteten Rede von einer "Republik ohne Republikaner" empfinden sich die Leitartikler der Weltbühne nach einem Wort Ossietzkys als "Republikaner ohne Republik". Hartnäckig weist die Zeitschrift auf die Defizite der Weimarer Realverfassung hin und hält ihr das Bild einer "wahren" Demokratie entgegen.

Der liberale Jurist Gustav Radbruch kennzeichnet diese unnachgiebige Haltung als "Weltbühnenradikalismus". Für den Philosophen Walter Benjamin verabschiedet sich die Zeitschrift gar aus dem politischen Diskurs: Ihr Radikalismus, beklagt er 1931, stehe "links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen". Dabei lebt in der Weltbühne bis zur Zeit der Präsidialkabinette ab 1930 die Hoffnung fort, die bestehende Demokratie als linksliberal-bürgerliche Übereinkunft erneuern und retten zu können. Erst danach mehren sich die Forderungen nach einer roten Einheitsfront aus Sozialdemokraten und Kommunisten. Bis zum Schluss allerdings lässt sich die Zeitschrift von keiner Partei vereinnahmen. Sie bringt unabhängige, parteiskeptische, ja "heimatlose" Gesellschaftskritiker zusammen, in einer Art außerparlamentarischen Opposition.