Berlin ist die Hauptstadt der Nachtigallen, 1.500 Paare leben hier, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt – es ziehen eben nicht nur komische Vögel her. Die Population ist seit Jahren stabil, obwohl die Fliegenschnäpper ein paar natürliche Feinde haben: "Fuchs, Hund, Grünflächenamt", sagt Constance Scharff, Professorin für Verhaltensbiologie an der Freien Universität Berlin – denn ab und zu brettert ein Rasenmäher mit Behördenkennzeichen über die Nester. Dagegen ist das, was Scharffs Kollegin Daniela Vallentin plant, ein wahrer Liebesdienst: Sie möchte drei männliche Nachtigallen aus einem der Berliner Parks einfangen und mit drei gezüchteten weiblichen Nachtigallen im Labor zusammenführen. Zwecks Nachwuchszeugung. Doch eine Mitarbeiterin der Umweltverwaltung praktiziert den scientus interruptus: Sie verweigert ihre Zustimmung für die "temporäre Entnahme" – die wild lebenden Vögel sollen sich nicht im Dienst der Wissenschaft paaren.

Dies ist der vorläufige Höhepunkt einer Berliner Posse, die einiges aussagt über die Wachstumsschmerzen der hiesigen Wissenschaftslandschaft, die Hybris der Verwaltung und die Grenzen der Politik. Und in deren Verlauf irgendwann auch dieser Satz gefallen ist: "Sie wird euch nie Tiere geben." Um in der Biologie zu bleiben: Berlin befindet sich hier zwischen Baum und Borke, gefangen zwischen sozialdemokratischem Pragmatismus und grüner Fundamental-Obstruktion.

Der Fall zieht sich seit sieben Monaten hin und hat inzwischen höchste Ebenen erreicht, im rot-rot-grünen Nachtigallenstreit wird geschimpft wie sonst nur unter Rohrspatzen. Für Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) steht ein Leuchtturmprojekt auf dem Spiel: Die Verhaltensbiologin Vallentin, eine der Antragstellerinnen des Clusterantrags "NeuroCure 3" in der Exzellenzstrategie, erforscht die neuronalen Grundlagen der Kommunikation von Singvögeln. Sie erhofft sich davon Erkenntnisse für ein besseres Verständnis autistischer Erkrankungen von Kindern. Vallentin ist Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die sie ins Emmy-Noether-Programm zur Förderung herausragender Nachwuchswissenschaftler aufgenommen hat. Und speziell für ihr aktuelles Vorhaben hat ihr der Europäische Forschungsrat (European Research Council, kurz ERC) eine besondere Förderung bewilligt: einen ERC Starting Grant in Höhe von bis zu anderthalb Millionen Euro.

Vallentin, die vor Berlin mehrere Jahre in New York forschte, arbeitete zuvor mit Zebrafinken. Die lernen das Singen von ihrem Vater. Vallentin fand heraus, dass bestimmte Nervenzellen den Einfluss des väterlichen Gesangs regulieren. Nun will die ausgebildete Mathematikerin wissen, ob auch bei Nachtigallen ähnliche Mechanismen wirken, wenn die Männchen bei ihrem kunstvollen Wettstreit zwischen Zuhören und Singen wechseln.

Auf der anderen, der grünen Seite steht Umweltstaatssekretär Stefan Tidow. Der frühere Büroleiter von Claudia Roth und Jürgen Trittin verteidigt das rigorose Vorgehen seiner Mitarbeiterin. Manche nennen es auch: schikanös – ein Eindruck, der durch die Lektüre des teils bizarren Mailwechsels in dieser Sache unterstützt wird. Die Juristin, früher Vorstandsmitglied des Nabu in Brandenburg und Mitautorin von Werken wie Der Kormoran und seine Verfolgung – Zum aktuellen Stand der Bejagung von Aaskrähe, Elster und Eichelhäher, besteht darauf, dass die Wissenschaftlerin zum Aufbau ihrer Nachtigallenzucht keine frei lebenden, sondern ausschließlich gezüchtete Tiere benutzt. Das Problem dabei: Es sind derzeit keine männlichen Nachtigallen auf dem Markt. Frühestens im Herbst, so ein Züchter, könnte es wieder so weit sein, allerdings: ohne Garantie. Der Beginn der Nachtigallenversuche droht sich um mindestens ein Jahr zu verzögern, die eineinhalb Millionen Euro aus dem europäischen Topf für vielversprechende junge Forscher geraten in Gefahr.

Die Geschichte, bei der es eigentlich um den Einklang des Singsangs männlicher Nachtigallen geht, beginnt im Juli 2017 gleich mit einem Missklang. Daniela Vallentin und Constance Scharff, Leiterin der Forschungsabteilung an der FU, beantragen beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das für die Genehmigung von Tierversuchen zuständig ist, einen über fünf Jahre laufenden Versuch mit 35 Nachtigallmännchen. Erforscht werden soll, wie deren flexible gesangliche Interaktion durch Nervenzellen ermöglicht wird. Wenn zwei Menschen sich unterhalten, sprechen sie meist abwechselnd, zuweilen gleichzeitig, manchmal beenden sie sogar die Sätze des anderen. Bei einer autistischen Erkrankung ist diese Fähigkeit gestört. Männliche Nachtigallen interagieren ganz ähnlich wie Menschen, deswegen wollen die Wissenschaftlerinnen die neuronalen Aktivitäten einzelner Zellen messen, um besser zu verstehen, was dort während des Singsang-Einklangs genau passiert.

Den Vögeln wird zu diesem Zweck unter Narkose ein 1,6 Gramm leichtes Messgerät auf den Kopf geklebt, das später wieder entfernt werden soll. Eine Sonde, so dünn wie ein Haar, wird damit verbunden und ins Gehirn eingeführt. Schmerzen verursacht das nicht, denn das Gehirn hat dafür keine Rezeptoren. Auch Menschen, die unter Depressionen oder Parkinson leiden, werden solche Sonden eingeführt.

Das Lageso genehmigt den harmlosen Tierversuch unter dem Aktenzeichen III B223 OA -AS/G/1284, allerdings, in Einklang mit der rechtlichen Lage, nur mit gezüchteten Nachtigallen. Das übersehen die Forscherinnen zunächst. Erst mehr als drei Monate später, als die Umweltverwaltung ihren Antrag auf Entnahme der Tiere aus Berliner Parks deswegen ablehnt, wird ihnen das Problem klar. Scharff und Vallentin bieten daraufhin an, eine eigene Zucht anzulegen und begeben sich auf die Suche nach Nachtigallen, die sie erwerben können. Drei Weibchen finden sie, aber keine Männchen. Also bitten sie darum, sechs bis zehn männliche Nachtigallen aus der Natur entnehmen zu dürfen – nur zum Zweck der Fortpflanzung, Versuche an ihnen sind nicht mehr vorgesehen. Die Antwort der Verwaltungsmitarbeiterin: Erst sei bei allen Züchtern in Deutschland zu prüfen, ob männliche Tiere zu erwerben sind. Und wenn, dann komme allenfalls die Entnahme von drei Männchen infrage – es gibt ja auch nur drei Weibchen. Die Wissenschaftlerinnen machen sich an die Arbeit, sammeln Adressen und Telefonnummern von Verbänden, fragen sich durch zu Kleinstzüchtern, verschicken Anfragen, werten die Rückläufe aus – und kommen zu dem Schluss: Vielleicht könnte es im Herbst etwas werden, lange nach der Brutzeit, die Ende April beginnt. Herbst, das wäre zu spät für Vallentins Vorhaben, das die Zusage eines renommierten EU-Förderprogramms schmückt und für das Vallentin bereits wissenschaftliche Mitarbeiter eingestellt hat.